Das glühende Gift des Ärgers
“Wenn die anderen uns dazu bringen, daß wir uns über sie ärgern – über ihre Dreistigkeit, Ungerechtigkeit, Rücksichtslosigkeit -, denn üben sie Macht über uns aus, sie wuchern und fressen sich in unsere Seelen, denn der Ärger ist wie ein glühendes Gift, das alle milden, noblen und ausgewogenen Empfindungen zersetzt und uns den Schlaf raubt. Schlaflos machen wir Licht und ärgern uns über den Ärger, der sich eingenistet hat wie ein schmarotzender Schädling, der uns aussaugt und entkräftet. … Und je größer unsere Verzweiflung darüber ist, … desto wilder tanzen die giftigen Schatten und verfolgen uns bis in unsere Träume.(Wir werden den Spieß umdrehen, denken wir grimmig, und schmieden nächtelang Worte, die im anderen die Wirkung einer Brandbombe entfalten werden, so daß nun er es sein wird, in dem die Flammen der Empörung wüten, während wir, durch Schadenfreude besänftigt, in heiterer Ruhe unseren Kaffee trinken.)
Was könnte es heißen, es richtig zu machen mit dem Ärger? Wir möchten ja nicht seelenlose Wesen sein, die ganz und gar unangefochten bleiben durch das, was ihnen begegnet, Wesen, deren Bewertungen sich in kühlen, blutleeren Urteilen erschöpften, ohne daß etwas sie aufzuwühlen vermöchte, weil nichts sie wirklich kümmerte. Und deshalb können wir uns nicht ernsthaft wünschen, die Erfahrung des Ärgers überhaupt nicht zu kennen und statt dessen in einem Gleichmut zu verharren, der von öder Gefühllosigkeit nicht zu unterscheiden wäre. …
Wir können gewiß sein, daß wir auf dem Sterbebett als Teil der letzten Bilanz festhalten werden…, daß wir zuviel, viel zuviel Kraft und Zeit darauf verschwendet haben, uns zu ärgern und es den andren in einem hilflosen Schattentheater heimzuzahlen, von dem nur wir, die wir es ohnmächtig erlitten, überhaupt etwas wußten. Was könnnen wir tun, um diese Bilanz zu verbessern? Warum haben uns die Eltern, die Lehrer und die anderen Erzieher nie davon gesprochen? … Uns in dieser Sache keinen Kompaß mitgegeben, der uns hätte helfen können, die Verschwendung unserer Seele an unnützen, selbstzerstörerischen Ärger zu vermeiden?”
(aus: Pascal Mercier, Nachtzug nach Lissabon, S. 432 ff. Der Text ist im Roman kursiv gedruckt, hier aber der besseren Lesbarkeit wegen nicht.)
Wahrscheinlich ist ein solcher Kompass nicht mitzugeben, denn Eltern und Erzieher haben sicher oft ein ähnliches Problem – Jedenfalls wäre ein solcher Kompass eine Marktlücke, die zu schließen eine lukrative Angelegenheit wäre.
Ich könnte ihn gut gebrauchen und würde ihn sofort kaufen, da ich oft nicht weiß, wie ich sinnvoll mit Ärger umgehen kann, soll. Aber was heißt sinnvoll? Arger ist ja oft ein Indikator dafür, dass man etwas verändern möchte, weil man nicht zufrieden ist. Leider hängt dieser Ärger meist mit mehr oder weniger rücksichtlosen Zeitgenossen zusammen, die ja gar nicht daran denken etwas zu verändern, weil es für sie unbequem wäre. Was mache ich dann?

aaaaaaaaaaaaaaaaaah
ein text mitten aus der seele
ist der ganze roman so wundervoll?
Ja, ich bin begeistert!!!
jetzt kann ich mir diesen Absatz immer wieder durchlesen – und das sollte man mindestens einmal in der Woche
Danke
Martina, aufgrund deines Kommentars habe ich die Passage auch noch einmal gelesen. man sollte sie sich übers Bett, an den Schreibtisch heften, oder sie so verinnerlichen, dass man endlich mit dem Sich Ärgern aufhört.
Ich habe das Buch gelesen… Und mir danach Alle dieser Absätze rausgeschrieben. Viele von den Allgemeineren, Also wo es nicht direkt um das Leben vom Prado geht, kann man sehr leicht auf sein Leben projezieren, was mir teilweise geholfen hat meine eigenen Reaktionen besser zu Verstehen… Der Autor muss ein wahres Genie sein.