Der Balsam der Enttäuschung

Und noch einmal eine bedenkenswerte Passage aus dem Roman „Nachtzug nach Lissabon“ von Pascal Mercier, die der besseren Lesbarkeit wegen nicht kursiv wiedergegeben ist wie im Roman:

„Enttäuschung gilt als Übel. Ein unbedachtes Vorurteil. Wodurch, wenn nicht durch Enttäuschungen, sollten wir entdecken, was wir erwartet und erhofft haben? …. Wir sollten Enttäuschungen nicht seufzend erleiden als etwas, ohne das unser Leben besser wäre. Wir sollten sie aufsuchen, ihnen nachspüren, sie sammeln …. (Menschen) sind bestürzt darüber, daß sie jahrelang eine Erwartung mit sich herumgetragen haben, die enttäuscht werden konnte, ohne daß sie Näheres über sie wußten.
Einer, der wirklich wissen möchte, wer er ist, müßte ein ruheloser, fanatischer Sammler von Enttäuschungen sein, und das Aufsuchen enttäuschender Erfahrungen müßte ihm wie eine Sucht sein .. . denn ihm stünde mit großer Klarheit vor Augen, daß sie nicht ein heißes, zerstörerisches Gift ist, die Enttäuschung, sondern ein kühler, beruhigender Balsam, der uns die Augen öffnet über die wahren Konturen unserer selbst. …. Wenn man Enttäuschungen als Leifaden hin zu sich selbst entdeckt hat, wird man begierig sein zu erfahren, wie sehr man über sich selbst enttäuscht ist: …
Es könnte einer die Hoffnung haben, daß er durch das Vermindern von Erwartungen wirklicher würde, auf einen harten, verläßlichen Kern schrumpfte und damit gefeit wäre gegen den Schmerz der Enttäuschung. Doch wie wäre es, ein Leben zu führen, das sich jede ausgreifende, unbescheidende Erwartung verböte, ein Leben, in dem es nur noch banale Erwartungen gäbe wie die, daß der Bus kommt?“ (a.a.O. S. 463f.)

Das sind doch mal Aussichten im nächsten Beziehungsknatsch, Konflikt mit wem auch immer?

Datum: 5. Februar 2007
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