Pascal Mercier, Der Klavierstimmer

Merciers „Nachtzug nach Lissabon“ habe ich mit Begeisterung gelesen und war neugierig auf seinen „Klavierstimmer“.
Dieser Roman ist die als Rückblick geschriebene Geschichte einer Familie aus der Perspektive der Zwillinge Patrice und Patricia, die ihre jeweils eigene Sicht auf ihre Eltern, die Familie, ihre Beziehung zueinander haben und diese in Heften dem anderen mitteilen wollen: „Jetzt, da alles vorbei ist, wollen wir aufschreiben, wie wir es erlebt haben. Wir werden den Erinnerungen allein gegenübertreten, ohne die Verführung durch die Gegenwart des anderen. Die Berichte sollen wahrhaftig sein, ganz gleich, wie groß der Schmerz sein mag beim Lesen. Das haben wir uns versprochen. Nur so, hast du gesagt, vermöchten wir den Kerker unserer Liebe zu zerschlagen, der mit der gemeinsamen Geburt begann und bis zum heutigen Tag gedauert hat. Nur so könnten wir frei werden voneinander.“
Bereits dieser erste Absatz des Romans deutet die Facetten des Familienlebens an: Liebe und Hass, Nähe und Einsamkeit, Verführung und Kälte, vor allem aber die Unfähigkeit, sich mitzuteilen. Folglich scheinen alle in einer Isolation zu leben, der sie sich durch Rausch, Flucht, Rückzug in die Welt der Musik zu entziehen versuchen. Letztendlich ist die Kommunikationslosigkeit Grund für den Mord des Klavierspielers.
Die Idee, die Familiengeschichte auf diese Art zu schreiben, die unterschiedliche Sicht und Bewertung derselben Situation, die Einblicke in familiäre Abgründe, haben mich zunächst fasziniert. Dann aber habe ich zwischendurch überlegt, ob ich das Buch nicht doch zur Seite legen soll. Denn es gibt nahezu keine Handlung. Das allerdings ist im „Nachtzug“ ja auch der Fall. Vielleicht ist es auch die Häufung der Tabus, die innerhalb dieser Familie gebrochen werden, die dann eher unglaubwürdig erscheint.

Pascal Mercier, Der Klavierstimmer, München 2006, 509 S., ISBN: 978-3-442-73545-7

Datum: 26. Juli 2007
Themengebiet: Rezensionen Trackback: Trackback-URL
Feed zum Beitrag: RSS 2.0

Ein Kommentar

  1. April | Donnerstag, 29. Dezember 2011 10:23
    1

    Auf Grund deiner Rezension zögere ich jetzt noch, weiteres von Mercier zu lesen. Dass es keine Handlung gibt, stört mich nicht, nicht, wenn es nachdenkenswerte Gedanken im Buch gibt.

Kommentar abgeben