Ian McEwan, Am Strand

“Sie waren jung, gebildet und in ihrer Hochzeitsnacht beide noch unerfahren, auch lebten sie in einer Zeit, in der Gespräche über sexuelle Probleme schlicht unmöglich waren. ”

Dieser Satz wäre ein Satz gewesen für den Wettbewerb: “Der schönste erste Satz“, denn er beinhaltet eigentlich den kompletten Roman. Ein Paar, Edward und Florence, heiraten und fahren in die Flitterwochen ans Meer, gebucht ist die “Hochzeitssuite”. Beobachtet von den Kellnern beginnen sie ihr Hochzeitsmahl, auf das sich beide nicht konzentrieren können, auf das sie beide keinen Appetit haben. Zu sehr sind sie mit ihren eigenen Gedanken, Gefühlen, Hoffnungen beschäftigt. Statt miteinander zu reden, verheddern sie sich in den Klischees vom andern Geschlecht, in den Vorstellungen ihrer Zeit von Mannn und Frau. Die Katastrophe nimmt ihren Lauf.

“Sie waren zu höfllich, zu verkrampft, zu ängstlich, auf Zehenspitzen schlichen sie umeinander herum, murmelten, flüsterten, gaben nach, stimmten zu. Sie kannten sich kaum und konnten sich auch nicht kennenlernen, weil ständiges höfliches Verschweigen ihre Unterschiede zudeckte und sie nicht nur aneinander fesselte, sondern zugleich auch füreinander blind machte. Sie hatten sich beide davor gefürchtet, jemals unterschiedlicher Meinung zu sein , … ” Der Roman erzählt nicht nur die Geschichte der beiden in/während der Hochzeitsnacht, der Leser erfährt gleichzeitig die Vor-und Nachgeschichte des Paares und ist froh, dass die Zeiten vorbei sind, wo Gespräche über (sexuelle) Probleme schlicht unmöglich waren, was nicht heißt, dass die heutigen Gespräche über (sexuelle) Probleme, so wie sie in die Öffentlichkeit getragen werden und jedermann zugänglich sind, die Lösung des Problems gewesen wären. “Sie hatte nur die Gewißheit seiner Liebe gebraucht und die Bestätigung, daß keine Eile geboten war, da das ganze Leben noch vor ihnen lag. Mit Liebe und Geduld … wären sie schon zurechtgekommen.” Vielleicht ist das die Lösung: Liebe und Geduld, nicht nur für die Hochzeitsnacht.

Ian McEwan, Am Strand, Zürich 2007, 207 S. , ISBN 978 3 257 06607 4

Datum: 24. Oktober 2007
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6 Kommentare

  1. seelenruhig | Donnerstag, 25. Oktober 2007 10:53
    1

    Den Autor mag ich sehr gerne. Ichhatte bei mir mal “Saturday” vorgestellt und empfohlen. Das Buch “Am Strand” möchte ich gerne auch lesen! Grüße von Ellen

  2. mona lisa | Donnerstag, 25. Oktober 2007 15:26
    2

    “Am Strand” gefällt mir sehr viel besser als der so hochgelobte Roman “Abbitte”. Schade, dass du so weit weg wohnst, sonst könnten wir einfach tauschen, ich kenne “saturday” nämlich noch nicht! Liebe Grüße

  3. herraermel | Samstag, 27. Oktober 2007 18:44
    3

    jetzt bin ich aber neugierig!
    herzlichen glückwunsch!

  4. mona lisa | Samstag, 27. Oktober 2007 18:55
    4

    Herzlichen Glückwunsch? Wozu? Ich verstehe nicht ganz und bitte um Aufklärung, damit ich die Glückwunsche dann auch genießen kann.
    Lb Grüße

  5. herraermel | Montag, 29. Oktober 2007 19:13
    5

    naja, du hast es geschafft mein interesse zu wecken… ich dachte, dass wär vielleicht das ziel gewesen.
    spricht es nicht für ein gute rezension, wenn die jemanden dazu bringt, das buch zu lesen?

  6. mona lisa | Montag, 29. Oktober 2007 20:03
    6

    Das freut mich: Sicher ist es mein Ziel, bei anderen Interesse zu wecken. doch mir ist es bisher noch nicht passiert, dass mir jemand dafür glückwünsche ausspricht. Danke also.

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