Meine Sprache wohnt woanders

Bisher kannte ich nur Lea Fleischmanns Bücher „Ich bin Israelin„. Die Erfahrungen, die sie in „Dies ist nicht mein Land“ damals niedergeschrieben hat, haben mir aus der Seele gesprochen, denn in ihren Erfahrungen habe ich mich in vielerlei Hinsicht wiedergefunden, auch wenn ich nicht in der Lage gewesen wäre, es auf diese Art und Weise aufzuschreiben. Daran habe ich mich erinnert, als ich die Ankündigung einer Veranstaltung mit ihr gelesen habe, zu der ich heute morgen gewesen bin.
Meine Sprache wohnt woanders“ ist der Titel ihres neuen Buches, das sie mit Chaim Noll herausgegeben hat. Aus diesem Buch hat sie ein sehr biographisch angelegtes Kapitel vorgelesen, in einer sehr einfachen, präzisen Sprache, die ihre Erfahrungen in ihrer Kindheit und Jugend gut nachvollziehbar macht und auf dem Punkt bringt, weshalb sie Deutschland verlassen und die Mühen der Auswanderung auf sich genommen hat, vor allem schon als Erwachsene eine neue Sprache lernen zu müssen, was ihr sehr schwer gefallen ist. Ihre Erkenntnis, sie habe Deutschland mit allem hinter sich gelassen, allerdings war ein Trugschluss, denn sie habe gemerkt, dass ihre deutsche Sprache nach wie vor die Sprache ist, in der sie schreibt, die damit immer noch Bindeglied zu Deutschland ist.
“ In meinem Leben habe ich viele Entscheidungen treffen müssen. Die Entscheidung, die Sicherheit einer Beamtin aufzugeben, war eine der schwersten. Ich wusste nicht, welchem Leben ich entgegenging, aber ich wußte, welchem Leben ich entfliehen wollte.“ (Aus dem Gedächtnis zititert, da ich das Buch von ihr noch nicht habe.) Sie quittierte den Schuldienst in Wiesbaden und ging nach Israel, ist ihrem Beruf aber in der Form treu geblieben, als sie es nun als ihre Profession, als ihre Berufung ansieht, Deutschen in VHS, in Schulen, Buchhandlungen oder wo immer sie eingeladen wird, etwas über Israel bzw. den jüdischen Glauben zu vermitteln, u.a.weil sie sich nicht vorstellen kann, wie man als Christ ohne Kenntnisse des jüdischen Glaubens als einer gemeinsamen Wurzel glauben könne.
Leider habe ich sie nicht mehr fragen können, ob bzw. wie sie die Ideale der 68iger Jahre, die sie lautstark und vehement vertreten hat, heute mit ihrem sehr religiös ausgerichteten Leben vereinbaren kann, ob sie sie integriert oder als etwas nicht mehr Gültiges hinter sich gelassen hat. Spürbar war für mich jedenfalls ein in sich ruhender Mensch, der seine Lebensaufgabe gefunden hat, dafür lebt und gleichzeitig daraus Kraft schöpft, mit dem sehr schwierigen Leben in Jerusalem klar zu kommen.

Datum: 11. November 2007
Themengebiet: Allgemein, Aufgelesen, Rezensionen Trackback: Trackback-URL
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