Wilhelm Genazino, Die Liebesblödigkeit

Der Ich-Erzähler dieses skurrilen Romans ist hauptberuflich Apokalyptiker und hält Seminare, meist Wochenendseminare, in stilvoll eingerichteten Tagungshotels in den Schweizer Alpen. Die Woche über hat er es mit zwei Frauen, mit Judith und Sandra, zu tun, die er beide liebt, die er beide braucht, zwischen denen er sich nicht entscheiden kann, aber doch glaubt, sich entscheiden zu müssen. Beide wissen nichts voneinander – und das soll auch so bleiben.
Judith ist verhinderte Konzertpianistin und verdient ihren Lebensunterhalt mit Klavierunterricht, Sandra ist Chefsekretärin in einem Sanitärgeschäft. Ach ja, und dann ist da noch Bettina, seine Ex, der er hin und wieder begegnet. Über die Ehe erfährt man die sexuellen Vorlieben der beiden, an denen dann aber letzendlich die Ehe/Liebe scheiterte, ohne dass darüber geprochen worden ist.
Ja, die Sexualität, vor allem aber die nachlassende Sexualität, vom Ich-Erzähler als “Wackelsexualität” bezeichnet, scheint im Leben eines alternden Mannes ein allgegenwärtiges, bedrängendes Thema zu sein: “Soviel ist klar: Ich will bei meiner Enderektion nicht dabei sein. Das heißt, ich muß vorher aufhören. Aber ich möchte nicht aus Angst schon jahrelang vorher aufhören, sondern so spät wie möglich. Und wie, bitte, soll ich diesen Zeitpunkt erkennen?”
Hilfe bietet ihm bei dieser Frage ein Panik-Berater an, der den Ich-Erzähler nach der ersten, kostenlosen Therapiesitzung auffordert, einen alten Koffer mit abgelegten Sachen irgendwo in der Öffentlichkeit abzulegen und zu beobachten, was passiert und was in ihm dadurch ausgelöst wird.
Einzige Handlung ist im Grunde die Frage des “Helden”, ob er sich nun von einer der beiden Fauen trennen soll, was möglich wäre, da Sandra ihm angeboten hat, ihn zu heiraten, damit er nach ihrem Tod von ihrer Rente profitieren könne. Aber Sandra ist ca. zehn Jahre jünger als er!!
Auf der Suche nach einer Antwort begegnet er auf Parties, auf der Straße oder wo auch immer Personen mit merkwürdigen Berufen: Da tummeln sich “Staub- und Ekelforscher”, “Postfeinde”, “Ziviliationsempörte” und “Alkoholsekretäre”, die unausgesprochen sehr von dem überzeugt sind, was Gegenstand ihres Berufes ist.
Dieses Buch ist mit Sicherheit nichts für Menschen, die Aktion lieben, spannende Handlungen, sondern eher für Leser, die Sinn für humorvoll, ironische z.T sarkastische Beobachtungen unserer Gesellschaft und der in ihnen lebenden Menschen haben, die sprachliche Neuschöpfungen lieben und den alternden Helden dabei begleiten, sich vom Arzt – auf anraten Sandras hin – Stützstrümpfe verschreiben zu lassen und diese dann in einem Sänitätsfachhandel zu kaufen. Es ist ein Buch über eine männliche Variante des Altern.

Wilhelm Genanzino, Liebesblödigkeit, Wien 2005, 203 S. ISBN 3-446 – 20595 -0

Datum: 2. Januar 2008
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2 Kommentare

  1. Quer | Freitag, 27. November 2009 13:48
    1

    Das ist wunderbar geschildert, Mona Lisa!
    Mir gefallen bei Wilhelm Genazino genau jene “humorvoll, ironischen, z.T. sarkastischen Beobachtungen unserer Gesellschaft”.

    Dank und Gruss,
    Brigitte

  2. 2

    […] Wilhelm Genazino, Die Liebesblödigkeit, Wien 2005, S. […]

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