Peter Stamm, Wir fliegen

Eigentlich bin ich kein Freund von Erzählungen. Doch die neuen von Peter Stamm habe ich mit großem Interesse gelesen. Sie sind nicht so lang, gut geschrieben, sprachlich einfach und schlicht und dennoch sehr nuanciert, subtil und psychologisch stimmig. Sie geben Einblicke in das Leben sehr unterschiedlicher, merk-würdiger Menschen in für sie außer-ordentlichen Situationen.
„Videocity“ handelt von einem Mann, der als Junge seine Mutter verloren hat und anschließend im Heim untergebracht wird. Die Abschiedszene hat er als eine Art Film gespeichert. „In Nahaufnahme das Gesicht der Mutter. Sie lacht und hebt ihn hoch. Sie hält ihn an den Händen fest und wirbelt ihn im Kreis herum. Sein Auge ist die Kamera.“ Als Film mit Kameraschwenks wird das Leben des Mannes beschrieben, der sich von allem und allen verfolgt fühlt und nur abends ein wenig Glück empfindet: „Wenn es ganz still geworden ist, wenn er ganz ruhig geworden ist, schleicht er sich zurück ins Wohnzimmer, schaltet den Videorecorder ein und den Fernseher. Die Kassette hat er schon am Vorabend zurückgespult bis zur entscheidenden Stelle.
Er spielt im Garten. Seine Mutter kommt, hebt ihn hoch, wirbelt ihn im Kreis herum. (…) Sie schaut ihn an und lächelt gütig.“ Der Mann könnte als verrückt bezeichnet werden, denn der Tod der Mutter hat alles in seinem Leben ver-rückt.
Ver-Rücktsein als Antwort auf das Leben mit seinem Leiden, seinen Unvorhersehbarkeiten ist auch die von Luzias Mutter in „Die Verletzung“. Ihre Tochter antwortet zu Beginn der Erzählung auf die Frage nach dem Grund des Selbstmordes ihrer verrückten Mutter: „Sie hat diesen Mann geheiratet, der sie mehr liebte als sie ihn. “ Der Ich-Erzähler liebt Luzia ebenfalls mehr als sie ihn, orientiert sein ganzes Leben an ihr. Doch sie wiederholt den Fehler ihrer Mutter nicht. Mit fatalen Folgen.
Äußerlich handlungsarm sind die Geschichten der Menschen gleichwohl spannend. Ein empfehlenswerter Band, der mich neugierig macht auf die Romane dieses Autors.

Peter Stamm, Wir fliegen, Erzählungen, Frankfurt/ M.,  175 S., ISBN 978-3-10-075128-7

Datum: 17. Juli 2008
Themengebiet: Rezensionen Trackback: Trackback-URL
Feed zum Beitrag: RSS 2.0

Ein Kommentar

  1. Wildgans | Freitag, 18. Juli 2008 11:41
    1

    habe die erzählungen auch gerade ausgelesen. mir für jeden abend oder auch mal für eine halbe stunde unterm nussbaum EINE wie ein „schmankerl“ gelassen. mir war, als machten die geschichten nochmal ganz klar, wie schräg oder zufallssekundenhaft man an einem ganz andren leben vorbei schrammt…also: hätte ich an der und der stelle das oder das nicht erblickt oder getan, dann….
    du hast blendend gut rezensiert- bewunder!
    wink

Kommentar abgeben