Von Büchern rings umgeben

Als ich folgende Sätze von Stefan Zweig las, dachte ich unwillkürlich: Gut, dass es bei uns zu Hause nicht  soviele Bücher gab!!! Denn ich liebe Bücher (außer beim Umzug, dann werde ich wirklich zur Bücherhasserin!),  ich lese gern und für mich wäre es schrecklich, kein Geld mehr für Bücher zu haben. Noch schlimmer aber wäre es, nicht mehr lesen zu können.
„Von Büchern rings umgeben, verachtete ich die Bücher; immer zum Geistigen vom Vater gedrängt, empörte ich mich gegen jede Form schriftlich überlieferter Bildung; so war es nicht verwunderlich, daß ich nur mühsam bis zum Abiturium mich durchrang und dann mit Heftigkeit jede Fortsetzung des Studiums abwehrte. Ich wollte Offizier werden, Seemann oder Ingenieur;“ (aus: Stefan Zweig, Verwirrung der Gefühle).
Ich dagegen musste kämpfen, studieren zu dürfen und hatte kaum Chancen, meiner Mutter klar zu machen, dass Lesen für ein Germanistikstudium Arbeit bedeutete, denn Lesen war Freizeitbeschäftigung, zu der man eigentlich keine Zeit haben konnte, da es immer Wichtigeres zu tun gab.
Schon lange vor der Zeit habe ich mich als Kind oft ins Bad zurückgezogen, mich eingeschlosssen, weil es der einzige Ort war, wo ich  in Ruhe lesen konnte. Klopfte jemand, so hatte  ich ein dringendes, länger dauerndes Geschäft zu erledigen, gegen das niemand Einspruch erheben konnte. Es sei denn, er selbst musste. Ich durfte mich nur nicht dabei erwischen lassen, ein Buch mit ins Bad zu  nehmen!!
Längeres Lesen, nach dem Zubettgehen war nur im Sommer möglich, wenn es draußen noch hell war. Da konnte ich leise die Vorhänge zur Seite schieben und lesen. Lesen bei Licht scheiterte während der dunklen Jahreszeit daran, dass  der Lichtschalter beim Ein-  und Auschalten von den Eltern gehört wurde, was mächtigen Ärger nach sich ziehen konnte. Heimliches Lesen unter der Bettdecke war wegen einer fehlenden Taschenlampe nicht möglich.
Tja, da blieb nur die Zeit in der Straßenbahn auf dem Weg zur Schule und zurück.
Als Mutter von drei Kindern habe ich oft mit einem Buch neben dem Kochtopf gestanden und  gelesen. War es sehr spannend,  so konnten die Kartoffeln schon einmal anbrennen, es roch nach Kartoffeln aus dem Kartoffelfeuer. Nur  gut, dass es Pellkaroffeln waren. Die waren schon noch essbar. Dachte ich.
Die Kinder sagten: „Mama, die Kartoffeln waren spitze, kannst du die noch einmal machen?“
Tja, das war dann schon ein Problem! Denn die Garzeit hatte ich mir beim Lesen nicht gemerkt.

Datum: 5. September 2008
Themengebiet: Allgemein, Aufgelesen, Denk-Würdiges, Worte, Zitate Trackback: Trackback-URL
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4 Kommentare

  1. Wildgans | Freitag, 5. September 2008 13:47
    1

    schön, das mit den leckeren, literaturgegarten kartoffeln!
    wenn meine Hexenoma mich mit deinem buch erwischte, schlug sie es mir aus der hand und schickte mich putzen oder aufräumen, als faules luder beschimpft. ähnliche erfahrungen schildert ja ulla hahn in dem buch vom verborgenen wort…
    gruß an die fleißige!

  2. Wildgans | Freitag, 5. September 2008 13:48
    2

    ne, die oma hat mich nicht mit deinem buch erwischt- ich weiß nicht, wie viele du schon geschrieben hast:-)
    sondern mit „einem buch“..

  3. mona lisa | Freitag, 5. September 2008 14:10
    3

    Deswegen hat mir Ulla Hahns Buch ja auch so gut gefallen, was viele nicht nachvollziehen konnten.
    Leider habe ich noch keins geschreiben – aber was ja nicht ist, kann ja noch werden.

  4. april | Samstag, 6. September 2008 9:53
    4

    Es muss wohl an der zeit gelegen haben. immer wenn meine mutter mich lesen sah, fragte sei ob ich nichts besseres/sinnvolles/vernünftiges/… zu tun hätte. gelassen hat sie mich aber doch und ich habe ihre bemerkungen einfach ignoriert und weitergelesen.

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