Herbsttag

Aufgrund einer Unterhaltung am letzten Wochenende habe ich mich daran erinnert, wie schwer es mir in meiner Jugend gefallen ist, angesichts abgeernteter Felder, dem Angebot von Pflaumen und Sonnenblumen auf dem Markt nicht in Tränen auszubrechen. Für mich waren es stets eindeutige Hinweise für Herbst, Winter, Dunkelheit, Einsamkeit und wenig Licht, für Mangel. Ich hatte den Eindruck, dass niemand mich verstehen konnte, etwas, was das Gefühl von Verlorenheit noch verstärkt hat.
Irgendwann hat mir dann mal jemand gesagt: „Man vermisst die Sonne, das Licht nur, wenn man sie, es nicht in sich hat!“ – Klang überzeugend. Ich wusste, dass ich die Sonne in mir suchen musste. Und wo habe ich gesucht? ….

Das Gedicht „Herbsttag“ von Rilke kenne ich schon seit meiner Kindheit, Jugend. Ich weiß nicht mehr, ob es zu den Gedichten gehört hat, die ich auswendig lernen musste, ob ich es nun verstanden hatte oder nicht. Gestern habe ich es seit langem wieder gehört – und es klang sehr melancholisch, aber auch sehr tröstlich:

Herbsttag

HERR: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren laß die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gieb ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

(Rainer Maria Rilke)

Vor allem die letzte Strophe hat mich so oft melancholisch werden lassen. Heute hat sie etwas Heimeliges an sich: allein sein, lesen, lange Briefe schreiben, in den Alleen wandern …
Vielleicht erhält man Antworten auf die Briefe, begegnet jemandem auf den Alleen, und sei es „nur“ sich selbst.

Datum: 29. Oktober 2008
Themengebiet: Aufgelesen, Denk-Würdiges, Frag-Würdiges, Gedichte, Merk-Würdiges Trackback: Trackback-URL
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3 Kommentare

  1. quersatzein | Donnerstag, 30. Oktober 2008 7:44
    1

    Oh ja, Wehmut und Gelassenheit schliessen sich ja nicht immer aus, sofern einem das „Weh“ auch ein wenig „Mut“ macht…

    Lieben Gruss in den fast schon winterharten Tag
    Brigitte

  2. Ingrid | Donnerstag, 30. Oktober 2008 12:46
    2

    Wir Menschen sehen das so melancholisch und reden sogar von ’sterbender Natur‘. Wenn man aber genau hinschaut, sieht man schon die Knospen für das nächste Jahr.

  3. mona lisa | Donnerstag, 30. Oktober 2008 18:11
    3

    Ja, das stimmt, wahrscheinlich ist es – wie fast immer – eine Frage der Focussierung und eher noch Bewertung dessen, was man wahrnimmt.

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