Simone de Beauvoir, Ein sanfter Tod

Die Konfrontation mit der unmittelbar bevorstehenden Endlichkeit der eigenen Eltern macht nachdenklich, reißt alte Wunden wieder auf und ist Möglichkeit, Anlass, eine Bestandsaufnahme zu machen, das Verhältnis zu klären, Ungesagtes, wenn möglich zu sagen, Dankbarkeit zu empfinden, vielleicht auch zu verzeihen und sich klar zu machen, dass Eltern (wie man selbst) in ihren Möglichkeiten und Fähigkeiten begrenzt sind, auch wenn sie sich das selbst gegenüber und schon gar nicht den „Kindern“ gegenüber zugegeben haben.
In „Ein sanfter Tod“ schildert Simone de Beauvoir, wie sie tagelang am Bett ihrer krebskranken Mutter gewacht hat. Sie beleuchtet in der Retrospektive ihr Verhältnis zur Mutter, der sie sich auf dem Krankenbett zeitweise näher als sonst in ihrem Leben fühlt, weil ihre Mutter manchmal ihr Lächeln wiederfindet, „das unsere frühe Kindheit verklärt hatte, das strahlende Lächeln einer jungen Frau. Wo war es in der Zwischenzeit gewesen?“ Die Bilanz, die die Schriftstellerin zieht, ist eine kritische, keine verharmlosende, die alle Schwierigkeiten dieses Mutter-Tochter-Verhältnisses angesichts des bevorstehendenden Todes der Mutter verleugnet oder dem Vergessen anheimgibt. „… doch mir wurde schnell klar, daß sie nur über ihre Niederlage weinte, ohne sich darum zu kümmern, was in mir vorging. Und es hat mich aufgebracht, daß sie der Herrschsucht vor der Freundschaft den Vorzug gab. … Heute weiß ich, was sie daran hinderte: sie hatte zu viele Rachegelüste zu befriedigen, zu viele Wunden zu verbinden, als daß sie sich in jemand anders hätte hineinversetzen können. In ihren Taten opferte sie sich, aber ihre Gefühle trugen sie nicht über sich selbst hinaus. “
Das Buch zeigt auch, wie anmaßend Ärzte in der Beurteilung ihrer Fähigkeiten und Kompetenzen sein können und wie schwer es ist, sich mit Liebe und „gesundem Menschenverstand“ dagegen durchzusetzen, weil man als Angehöriger Schuldgefühle und/ oder trotz allem immer noch eine gewisse Hoffnung hat. Selbstbewusst formuliert Beauvoir zum Schluss:“Sie hat einen saften Tod gehabt, den Tod einer Priveligierten. … Ohne unsere beharrliche Wachsamkeit hätte sie sehr viel mehr leiden müssen.“ Sanft war höchstens der Tod, nicht aber das Sterben.
Diese empfehlenswerte Bändchen steht schon seit acht (!) Jahren in meinem Regal. Jetzt habe ich es gefunden oder sollte ich eher sagen, es hat mit gefunden? Es hat mir nachdenkliche Stunden bereitet und klärende Anstöße gegeben. Ein wirksames Buch also.

Simone de Beauvoir, Ein sanfter Tod, Reinbek 1999, 120 S., ISBN 3 499 11016 4

Datum: 1. Oktober 2008
Themengebiet: Aufgelesen, Denk-Würdiges, Rezensionen Trackback: Trackback-URL
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3 Kommentare

  1. soeren onez | Mittwoch, 1. Oktober 2008 12:14
    1

    Das Buch habe ich mir auch im Antiquariat gekauft und wird nach Remarques „im Westen nichts neues“ herhalten müssen. Meist du es wird auch mir gefallen?

    PS: Bin gerade über einen Blog gestopert, der dir auch gefallen könnte: http://irisbleyer.de/

  2. mona lisa | Mittwoch, 1. Oktober 2008 17:17
    2

    Soeren, kann ich schwer einschätzen. Freue mich aber darauf, mit dir anschließend über das Buch reden zu können.

  3. Glarean Magazin | Montag, 1. Juni 2009 11:28
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