Paulo Coelho, Der Alchimist

” ‘Mein Herz fürchtet sich vor dem Leiden”, sagte der Jüngling zu dem Alchimisten … .’ Dann sag ihm, daß die Angst vorm Leiden schlimmer ist als das eigentliche Leid. Und daß noch kein Herz gelitten hat, als es sich aufmachte, seine Träume zu erfüllen, denn jeder Augenblick des Suchens ist ein Augenblick der Begegnung mit Gott und mit der Ewigkeit.’ ”

Santiago ist der Jüngling, ein Schafhirte mit ausgeprägter Reiselust, der sich nach einem Traum von einem Schatz aufmacht, diesen zu suchen. Dazu muss er seine Schafe verkaufen und sich auf den Weg nach Afrika machen, durch die Wüste zu den ägyptischen Pyramiden. Doch bevor er sich entschließt, fragt er immer wieder Menschen um Rat, die ihm letztendlich nur Anstöße geben, ihm die Entscheidung aber nicht abnehmen .
Auf der Suche nach seinem Schatz hat er viele Abenteuer zu bestehen, die aber immer eine Begegnung mit den Schattenseiten seiner Seele sind. Der Alchimist, den er in der Wüste trifft, verdeutlicht ihm, dass alle Begegnungen, Abenteuer, die er bestanden hat, nur Erfahrungen sind, die er zur Bergung seines Schatzes braucht.

Dieser kleine Roman ist ein gleichnishafter Entwicklungsroman in christlich mythischer Bildersprache mit (unterschwellig) pädagogischem Auftrag, denn er liest sich wie eine Aufforderung an den Leser, sich auf die Suche nach dem eigenen Lebensweg zu machen und den damit verbundenen Lebenstraum zu leben. Kompass ist das Hören auf das eigene Herz.
In einer Rezension habe ich gelesen, man werfe dem Autor arge Einfachheit in Inhalt und Stil vor. Doch genau dieser Vorwurf erinnert mich an den Ausspruch eines Mannes, der mir vor Jahren einmal gesagt hat, das Wichtigste im Leben sei immer einfach. Und einfach heißt nicht plump, simpel, oberflächlich, dumm, sondern eher schlicht, aufs Wesentliche reduziert.
Mir hat der Roman gefallen. Es ist einer der Texte, die man eher mit dem Herzen liest. Viele Sätzen sind geeeignet, über ihren Sinn zu meditieren – nein, nicht nachzudenken.

Paulo Coelho, Der Alchimist, Roman, aus dem Brasilianischen übersetzt von Cordula Svoboda Herzog, Zürich 2008, 173 S. ISBN 978-3-257-23727-6

Datum: 14. November 2008
Themengebiet: Denk-Würdiges, Rezensionen Trackback: Trackback-URL
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6 Kommentare

  1. Menachem | Freitag, 21. November 2008 22:05
    1

    Wenn auch spät, noch eine Anmerkung. Den “Alchimist” habe ich in einer schwierigen Lebensphase (zufällig) gelesen und dabei eine besondere Zuneigung zu den orientalischen Märchen erhalten.In ihren möglichen Deutungen sind der Fantasie kaum Grenzen gesetzt. Während die deutschen Märchen viel über Tugenden und soziales Verhalten vermitteln, werden in den orientalischen Märchen mehr Lebensweisheiten weitergegeben. Beides ist gut, und beides hat seine Zeit.

  2. mona lisa | Samstag, 22. November 2008 9:24
    2

    Menachem, hast du vielleicht Titel dieser Märchensammlungen zur Hand?

  3. Menachem | Samstag, 22. November 2008 16:51
    3

    Leider nicht, mona lisa. Es ist schwierig, in Buchhandlungen etwas zu erhalten, sieht man von 1001 Nacht ab. Sie wollen immer Autor oder Titel wissen, um etwas bestellen zu können. So rein themenbezogen, tun sie sich meistens schwer. Habe jetzt aber auch 2-3 Jahre die Spur nicht weiterverfolgt.

    P.S.:
    Das wütende Meer spült einen großen, schweren Stein auf eine kleine, heranwachsende Palme. Sie wächst weiter und trägt diese schwere Last immer in ihrer Krone. Und obwohl sie nicht so groß und schön wird wie die anderen, erfreut sie viele Menschen, denen sie in den heißen Tagesstunden ihren Schatten spenden kann.

  4. 4

    [...] mir sein Roman “Der Alchimist” ganz gut gefallen, so mag ich diesen überhaupt nicht, auch wenn ich die Grundidee [...]

  5. 5

    [...] genutzt, als Geschenkpapier waren sie meist zu klein. Der zweite Kalender ist ein Buch-Kalender von Paul Coelho, “Herausforderungen” aus dem Diogenes Verlag , ein wunderschön von Anne Kristin [...]

  6. 6

    [...] Coelho hat einmal auf die Frage , welche Grabinschrift er haben möchte, dass er kein Grab haben [...]

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