Spazierengehen

Regelmäßig gehe ich mit meinem Hund spazieren, vorbei an den Mollbeckteichen mit ihrer Enten- und Gänsebevölkerung durch die Felder, mal mehr mal weniger weit, je nach Wetter, Zeit, Lust und Laune. Inzwischen genieße ich diese Spaziergänge, sie sind nicht mehr nur Pflicht.
Dabei begegnen mir viele Menschen, einige von ihnen schon von weiten zu hören, wenn sie mit ihren Stöcken, meist auch noch in “Horden” den Boden bearbeiten, sich oft lauthals unterhalten und dabei mehr oder weniger vergnüglich bis verbissen aus der “Wäsche schauen”, in dem Wissen, etwas für ihre Gesundheit zu tun. Dann sind da die Jogger, die mit Knopf im Ohr eine Duftwolke hinter sich her ziehen, um zu vermeiden, dass man sie riecht. Das tut man aber auf diese Weise um so mehr.
Das ein oder andere mal sieht man dann auch noch Geher, wenige Biker, das Gelände bietet wohl nicht genug Herausforderung. Kaum aber sind Spaziergänger zu sehen, die einfach nur spazierengehen, ohne diese Tätigkeit mit noch weiteren zu verbinden, die sich und ihren Körper nicht auf die ein oder andere Art und Weise bearbeiten, quälen bis an die Schmerzgrenze, ausgerüstet mit einer Montur, die auf alle Notfälle vorbereitet ist, wie Gürtel mit Wasserflaschen oder waren es doch Gewichte?
Ob diese Menschen von der wechselnden Landschaft, dem Wetter, den Wolkengebilden, den Geräuschen der Natur überhaupt etwas bemerken und diese Eindrücke in sich aufnehmen?
Mir sind die Spaziergänger lieber, die meist grüßen, wenn man vorbeikommt. Sie strahlen für mich eher Ruhe, Gelassenheit, vielleicht auch Gesundheit aus, als diejenigen, die sich und ihren Körper der Gesundheit wegen (un-) regelmäßig quälen. Für mich wäre das nicht gesund.
Könnt ihr euch vorstellen, das Rilke oder Hesse, die Gedichte über einen Spaziergang geschrieben haben, joggend durch die Landschaft düsten? Ich nicht.

Spaziergang

Schon ist mein Blick am Hügel, dem besonnten,
dem Wege, den ich kaum begann, voran.
So faßt uns das, was wir nicht fassen konnten,
voller Erscheinung, aus der Ferne an -

und wandelt uns, auch wenn wir’s nicht erreichen,
in jenes, das wir, kaum es ahnend, sind;
ein Zeichen weht, erwidernd unserm Zeichen…
Wir aber spüren nur den Gegenwind.

(Rainer Maria Rilke)

Datum: 12. November 2008
Themengebiet: Alltägliches, Frag-Würdiges, Gedichte Trackback: Trackback-URL
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4 Kommentare

  1. Ludovika | Donnerstag, 13. November 2008 0:27
    1

    nordic walking- hm, vielleicht knut hamsun oder ibsen?
    ich betreibe hier auch kein southern running, eher das besinnliche, immer wieder in einer gehpause in die runde und den himmel schauende flanieren in den hügeln…
    gruß von sonia

  2. quersatzein | Donnerstag, 13. November 2008 7:22
    2

    Du sprichst mir ja so aus der Seele, Mona Lisa!
    Die grossen Schriftsteller und Autorinnen spazierten, wanderten, schauten, hinterfragten, staunten - und schrieben. Mit sportlichem Übereifer liess sich das (und lässt es sich wohl auch heute) nicht vereinbaren…

    Mit lieben Grüssen,
    Brigitte

  3. mona lisa | Donnerstag, 13. November 2008 9:42
    3

    Flanieren, (lust-)wandeln - drohen diese Wörter unserem Spachschatz herauszufallen, weil keiner sie mehr benutzt bzw. weil diese Tätigkeiten nicht mehr ausgeführt werden?

  4. Andi | Freitag, 21. November 2008 14:46
    4

    Wunderbar

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