Autobiographie oder: Lebenslanges Lernen

An folgende „Autobiographie“ musste vor ein paar Tagen denken, als ich erneut über das Thema „Schuld“, „Verantwortung“  und „Ehrlichkeit“ nachdachte. Solange man die Schuld, die Verantwortung für das eigene Leben bei anderen sucht, solange wird man gelebt, solange jammert man und will nichts verändern, weil man Veränderungen von anderen erwartet.

Vor Jahren habe ich einmal den Satz gehört: Wer jammert, will nichts verändern.

Er hat mich aufhorchen und nachdenklich werden lassen. Sicher sind Jammern, Selbstmitleid und Schwäche zeigen notwendig, sinnvoll und wichtig. Nur: dabei belassen sollte man es nicht. Wenn einen das gleiche Loch in  der Straße magisch anzieht, dann muss man vielleicht nach anderen Wegen suchen und sie dann auch gehen:

Autobiographie

1.
Ich gehe die Straße entlang.
Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig.
Ich falle hinein.
Ich bin verloren … Ich bin ohne Hoffnung.
Es ist nicht meine Schuld.
Es dauert endlos, wieder herauszukommen.

2.
Ich gehe dieselbe Straße entlang.
Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig.
Ich tue so, als sähe ich es nicht.
Ich falle wieder hinein.
Ich kann nicht glauben, schon wieder am gleichen Ort zu sein.
Aber es ist nicht meine Schuld.
Immer noch dauert es sehr lange, herauszukommen.

3.
Ich gehe dieselbe Straße entlang.
Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig.
Ich sehe es.
Ich falle immer noch hinein … aus Gewohnheit.
Meine Augen sind offen.
Ich weiß, wo ich bin.
Es ist meine eigene Schuld.
Ich komme sofort heraus.

4.
Ich gehe dieselbe Straße entlang.
Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig.
Ich gehe darum herum.

5.
Ich gehe eine andere Straße.

(Portia Nelson, zitiert von Sogyal Rinpoche in: Das Tibetanische Buch vom Leben und vom Sterben, S. 53f.)

Diese Autobiographie zeigt aber auch, dass man alte Gewohnheiten nicht von jetzt auf gleich ablegen kann, in der Phase ist liebevolles Annehmen eigener Schwächen notwendig, damit man sich zugesteht lernen und Fehler machen zu dürfen. Denn etwas mit dem Verstand verstehen, heißt noch lange nicht, dass man es mit dem Herzen begriffen hat und dann auch in das eigene Leben integrieren kann.

Datum: 13. Januar 2009
Themengebiet: Aufgelesen, Denk-Würdiges, Gedichte, Worte, Zitate Trackback: Trackback-URL
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2 Kommentare

  1. Wildgans | Dienstag, 13. Januar 2009 23:16
    1

    eine andere straße gehen.
    eine gute idee.
    für mich jetzt.
    DANKE.
    aber erstmal überlegen,
    wie ich dabei die andern
    nicht übern haufen renne.

  2. seelenruhig | Donnerstag, 15. Januar 2009 10:49
    2

    Danke für diesen wunderbaren Text. Ja es stimmt: mit dem Verstand begriffen heißt noch lange nicht mit dem Herzen begiffen oder gar geändert.

    Die neue Straße – ein schönes Ziel!

    liebe Grüße von Ellen

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