Wolke 9
Als Jugendlicher schwebt man, wenn man verliebt ist, auf Wolke 7, wer auf Wolke 8 schwebt, weiß ich nicht, vermutlich sind es Menschen, die den “zweiten Frühling” erleben. Den dritten gibt es sprachlich (noch) nicht !?, wohl aber den Film “Wolke 9“, der auf dem Filmfestival in Cannes große Aufmerksamkeit erhalten hat. Es ist ein sehr ruhiger Film. Es wird wenig gesprochen zwischen den Protagonisten, entweder, weil sie sich kaum mehr etwas zu sagen haben oder die Gegenwart des anderen still genießen. Es bedarf da der Wort nicht, denn Blicke, Berührungen reichen.
Der Film erzählt die Dreiecksgeschichte zwischen Inge – Mitte 60 und seit mehr als dreißig Jahren mit dem viel älteren Werner verheiratet – und dem 76jährigen, sehr vitalen, lebenslustigen Karl, mit der Inge eine Äffäre eingeht, die sie anfangs sehr genießt. Sie blüht auf, als erwache sie zu neuem Leben. Später plagen sie Gewissensbisse und sie gesteht ihrem Mann die Affäre, der daraufhin nur Beleidigungen, Abwertungen, Vorwürfe für sie übrig hat. Inge fühlt sich schuldig, ihre Ehe zerstört zu haben, gleichzeitig fühlt sie sich aber im Recht, ihr Leben zu leben und für sich selbst zu sorgen, weil es ihr Mann schon lange nicht mehr übernimmt. Sie ist für Werner wie ein Teil des Mobiliars, immer vorhanden, aber nahezu unsichtbar. Man bemerkt es nur, wenn’s nicht (mehr) so funktioniert, wie es immer der Fall war. Gleichzeitig ist Werner aber fürsorglich, als Inge krankt wird und man merkt die Vertrautheit der beiden. Doch die sexuellen Bedürfnisse Inges, Ihre Sehnsucht nach (körperlicher) Liebe, Nähe und Berührungen, nach Leben, Lebendigkeit, die bemerkt Werner kaum noch, er widmet sich lieber seinem Hobby: den Lokomotiven, hört sich Schallplatten mit Lokomotivgeräuschen an und fährt mit Inge ab und an mit dem Zug durch die Gegend- ohne Ziel, weil die Landschaften schöner sind als entlang der Autobahnen.
Karl dagegen ist ein sehr sinnlicher Mensch. Er begehrt Inge, bezeichnet sie als seine Schöne. Er berührt sie gern, schwimmt mit ihr nackt im See und tanzt mir ihr, so dass sie im Chor nicht immer nur von Tänzen singen muss, sie erlebt mit ihm die Sehnsüchte, die in den Liedern zum Ausdruck kommen.
Aber der Film ist nicht nur heiter, er thematisiert auch die Frage nach Egoismus und Verantwortlichkeit in einer Beziehung. Welche Verletzungen füge ich dem anderen zu, wenn ich eine Affäre eingehe, ist sie weniger groß oder gar nicht vorhanden, wenn ich die Affäre verschweige? Welche Verantwortung aber habe ich mir, meinem Leben, meinem nicht genutzten Potential gegenüber? Wie eng, weit können, dürfen die Grenzen einer Beziehung sein? Darauf gibt es sicher nur individuelle Antworten. Doch wie soll ein Paar sich darüber verständigen, wenn es sich gar nicht mehr wirklich wahrnimmt und offensichtlich nicht gelernt hat, über Gefühle und Bedürfnisse zu sprechen?

Beschäftigt mich sehr, deine Beschreibung. Auch wenn wir heute oft der Meinung sind, besser über Gefühle und Bedürfnisse zu sprechen, so glaube ich, ist das nur relativ und ähnlich dem, wie es schon immer war – ich glaube, es gibt immer noch viele Dinge, bestimmte und individuell in jeder Beziehung anders, über die nicht gesprochen wird/werden kann.
Heute habe ich im DLF-Radio folgenden Satz gehört: “Wir wollen immer geliebt werden, was aber, wenn wir diese Liebe nicht zurückgeben können?” Wie, wenn dieser Satz für Inge zutreffen würde, oder Werner?
Auf jeden Fall, wie die nächste Möglichkeit besteht für den Film besteht, sitze ich drin.
Mach’ das und lass mich dann wissen, wie du den Film findest.Mich beschäftigt er immer noch, bzw. die Fragen, die er in mir wachgerufen hat: wieviel Individualität, Freiraum etc. verkraftet eine Liebe oder muss ich besser sagen eine Beziehung?
Ich hab den Film schon vor einer Weile gesehen und war begeistert. Mich hat am meisten wütend gemacht, dass sie ihrem Mann von der Affäre erzählt, anstatt sie einfach zu genießen. Wem hätte sie etwas weggenommen?
Ich fand es egoistisch. Da ging es nur darum, ihr Gewissen zu erleichtern und nicht um den anderen. Warum so unnötig Schmerz zufügen?
Ich glaub sowieso nicht, dass ein einziger Mensch all unsere Bedürfnisse nach Liebe, Aufmerksamkeit, Zärtlichkeit, Lust ein Leben lang erfüllen kann. Aber müssen wir die Menschen, die es zumindest versuchen, so verletzen?
Hallo Testsiegerin, liegt die Verletzung darin, dass sie es gesagt oder dass sie es gemacht hat? Ich für mich kann diese Frage nicht so einfach beantworten, denn man kann davon ausgehen, dass die beiden sich ob ausgesprochen oder unausgesprochen Treue “geschworen” haben, ein Versprechen, das sie auf jeden Fall bricht, ob sie es nun sagt oder nicht. (Moralsich bewerten wi13ll ich es dennoch nicht!)
Bin über deinen Hinweis unter meiner Rezension auf kunst-des-alterns.de hierher gekommen.
Ich finde es schade, wenn nicht mal ALTE MENSCHEN. die 30 Jahre verheiratet sind, es verstehen und verkraften, dass auch mal andere bezüglich bestimmter eingeschlafener Ebenen die besseren Partner sind.
Es ist nicht Inges schuld, dass Werner auztickt – sondern SEIN beschränkter Geist und sein verschlossenes Herz. Ihm gehts um die Erhaltung des “Möbels Inge” – und nicht etwa um IHR Glück!
Auf solche Beziehungen kann ich gut verzichten.
Claudia, wer hat behauptet, es sei Inges Schuld?
Die Tochter.
Stimmt, Claudia, zuerst war die Tochter auf Mutters Seite- und meinte, diese müsse auch ihrem Gatten gar nichts von der neuen Liebe erzählen. Nachdem diese es DOCH “gebeichtet” hatte und die Dinge ihren Lauf nahmen, war die Tochter sauer und Schuld zuschreibend!