Selbstmord - Ausdruck freien Willens?!
” ‘Selbstmörder überwinden das persönliche Leben, sie legen es ab wie ein Kleid. Ihr Leben lang kamen sie sich vor wie eingenäht in eine falsche Haut, und eines Tages schaffen sie es herauszuschlüpfen. Für mich ist der Selbsmord ein Ausdruck des größtmöglichen freien Willens.’ …
‘Aber viele Selbstmörder sind depressiv, sie sind krank, sie haben vielleicht keinen freien Willen mehr, sie handeln vielleicht aus Überdruß, sie wissen vielleicht gar nicht wirklich, was sie tun.’
‘Sie wissen es. … Kurz bevor sie es tun, wird ihnen die Tragödie ihres Lebens bewußt, und sie wollen nicht zurück.’
‘Und warum verschweigen wir, die Polizei, und die städtischen Behörden so oft, daß jemand sich umgebracht hat, und sprechen statt dessen von einem Unfall? Es ist doch nicht mehr verboten wie im Mittelalter, sich umzubringen.’
‘Es ist nicht mehr verboten. … Aber die Gesellschaft erträgt Selbstmörder schwer. Sie sind wie ein Spiegel, wir erkennen ihren Schatten und fürchen uns davor.’ “
(aus: Friedrich Ani, Idylle der Hyänen, S. 341f.)
Dieser Gesprächauszug zwischen Polonius Fischer und seiner Kollegin Liz erinnert an die uralte Diskussion u.a. in Goethes “Werther”, ob ein Mensch das Recht besitzt, sich selbst das Leben zu nehmen, für das Goethes Werther vehement eingetreten ist. Werther wurde als Selbstmörder noch außerhalb der Friedhofsmauern beerdigt. Das wird Robert Enke sicher nicht passieren, dessen Selbstmord die Schlagzeilen bestimmt, Sondernachrichten bewirkt, so als könnte man seinen Entschluss dadurch fassen, be-greifen. Manchmal gibt es da nichts zu be-greifen. Und genau diese Hilflosigkeit einzugestehen und auszuhalten, darum geht es - für mich.
Übrigens, Goethes “Die Leiden des jungen Werther” sollte verboten werden, da der Briefroman eine Welle von Selbstmorden - man spricht heute vom Werthereffekt - nach sich zog, die man durch ein Verbot des Romans glaubte stoppen zu können.

um das ganze tabu zu wandeln, sollten wir das wort selbstmord tilgen. freitod finde ich besser. oder suizid.
ich gehöre zu jenen, die menschen, welche suizid begehen, verstehe. ohne ihnen aber auf die schulter zu klopfen.
freie wahl - im leben und im sterben … daran glaube ich.
spannendes mutiges thema, liebe monalisa!
Der Begriff “Freitod” setzt m.E. die freie Entscheidung voraus. Wie frei ist jemand, der z.B. psychisch krank ist?
“Selbsttötung” stünde auch noch als Begriff zur Verfügung.
Nach all den vielen küchenpsychologischen Exkursionen im weltweiten Netz ist die Auseinandersetzung mit dem Thema hier in diesem Blog mehr als wohltuend.
Ich kann die Gedankengänge nachvollziehen und bin mit meiner Ansicht zum Suizid ganz bei Ihnen
Und danke nochmal für die Herstellung zum lit. Bezug !