Übersetzungsfehler mit Folgen
In Sandra Ingermans “Die schamanische Reise” habe ich erfahren, dass es im Aramäischen offensichtlich keine Wörter für “gut” und “böse” gibt. Die ihnen entsprechenden Begriffe wären am ehesten mit “reif” oder “unreif” zu übersetzten, “was gleichzeitig darauf hinweist, dass das ganze Leben ein organischer, andauernder Prozess des Wachsens ist.” (S. 54f.)
Wachsen, sich entwickeln kann man aber meist nur, wenn man Fehler machen darf, aus denen man lernen kann, wie es anders, besser geht. Wenn es aber immer nur um “richtig” oder “falsch”, um “gut” oder “böse” geht, dann entsteht Starre, Enge, die Wachstum nur mühsam möglich macht. Bei der Übersetzung der Bibel habe man die Begriffe also nicht korrekt übersetzt, so Ingerman: “Dieser schlichte Übersetzungsfehler prägte die jüdisch-christliche Kultur nachhaltig, denn die menschliche Entwicklung galt fortan als etwas, dass sich jenseits der natürlichen Zyklen von Reife und Unreife vollzieht.” (S. 55)
(aus: Sandra Ingerman, Die schamanische Reise, Aus dem Amerikanischen von Elisabeth Liebl, München 2004, 93 S. , ISBN 978-3-7205-2559-6)

spannender input!
danke
liebgrüss, d.
Interessanter Gedanke, aber die Schlussfolgerung, dass aus diesem Übersetzungsfehler allein diese restriktive Kultur entstanden ist halte ich für verfehlt. Denn der strafende Gott ist auch durch Übersetzungen nicht wegzudiskutieren und ob man jetzt wegen Unreife bestraft wird oder wegen Bosheit, scheint mir doch nicht weit voneinander entfernt zu sein. Die Moral der Bibel zieht sich durch selbe meiner Meinung nach auch wenn man jedes gut durch reif und jedes böse durch unreif ersetzen würde.
Gott lässt entwickeln oder straft, ob dies jetzt auf die Unreife oder die Bosheit zurückgeführt wird, ist in sofern egal, weil die Entwicklung durch ihn in diesem Punkt gestoppt und für immer beendet wird.
Man kann sich ja auch moralisch entwickeln. Denn der Fehler ist eigentlich nicht, die Verwendung von gut und böse, richtig und falsch statt reif oder unreif, denn letzteres kann sich an nichts orientieren, wenn diese Wertungen wegfielen. Der Fehler ist also, Gut und Böse jemandem zuzuschreiben, statt Handlungen zuzuschreiben und diesen Fehler begeht die Bibel ständig. Eine Handlung kann gut, böse, richtig oder falsch sein, einen Menschen aufgrund einer Handlung auf eine dieser Zuschreibungen zu reduzieren ist immer eine falsche Auffassung vom Menschen, weil abstraktes und so reduzierendes Denken. Nicht eine Handlung macht einen Menschen aus, sondern viele Handlungen, also vor allem die Frage, die du ja auch aufwirfst, ob man aus Fehlern lernen kann. Aber für die Feststellung des Fehlers, brauchst du auch wieder richtig und falsch, gut und böse. Die Reife ist nur eben das übergeordnete Prinzip, was bestimmt, ob aus falschen Handlungen Folgehandlungen “besser” also auf den Fehler bezogen, vollzogen werden könen.
Aber ohne gut und böse geht es wohl nicht und den Fehler sehe ich nicht in der Übersetzung, sondern in falschen Zuschreibungen, die dann tatsächlich restriktiv nur das alte schon gedachte und getane wiederholen bzw. aktualisieren können und so gar keine Handlungen im eigentlichen Sinne sind.