Peter Wawerzinek, Rabenliebe

Schreiben ist eine Form von Therapie, an der man eine breite Öffentlichkeit teilnehmen lassen kann – sinnvoll sicher dann, wenn das Thema von allgemeinem Interesse ist und der sich Therapierende über ein gewisses Maß an literarischen Fertigkeiten verfügt. Beides trifft auf den Verfasser dieses Romans zu. Immerhin hat Wawerzinek für “Rabenliebe” den diesjährigen Klagenfurter Bachmannpreis bekommen.
Es ist ein autobiographischer Roman, dessen Ich-Erzähler sein ganzes Leben mit der Frage zubringt: Warum hat meine Mutter mich weggegeben und ist ohne mich aus der DDR in den Westen gegangen?
Konfrontiert wird der Leser mit den ständigen Traumatisierungen dieses Kindes bis in die Adoleszenz, das in Folge der Handlungen seiner Mutter in einem Heim landet und dort erst mit vier Jahren aus seiner Sprachlosigkeit herausfindet, das gerne für sich allein ist, Vögeln zusieht, ihnen zuhört und ihre Stimmen nachmacht und sich dennoch immer nach mütterlicher Wärme sehnt, die er das erste Mal durch die Köchin erfährt. Sie will ihn adoptieren und nimmt ihn mit nach Hause, muss ihn aber den nächsten Tag wieder mit ins Heim nehmen, da ihr Mann Kinder nicht leiden kann und dies auch lautstark in Gegenwart des Jungen zum Ausdruck bringt. Ähnliches widerfährt ihm noch einige Male, ständig unter Druck stehend, bei Nichtgefallen zurückgegeben zu werden. Der Roman endet mit einem Besuch der realen Mutter wieder in völliger Sprachlosigkeit des erwachsenen Sohnes.
Der Roman macht die damaligen Erziehungsgrundsätze in ihrer Brutalität und Rücksichtslosigkeit deutlich, die nicht nur in Heimen vorherrschend gewesen sind, sondern ja auch die ganz “normale” Erziehungswirklichkeit von Kindern geprägt hat. Durch Zitate von Zeitungsmeldungen über Kindesvernachlässigung, -misshandlungen mit oder ohne Todesfolge macht Wawerzinek aber die immer noch aktuelle Brisanz des Themas über seine persönliche Betroffenheit hinaus deutlich.
“Rabenliebe” ist in jeder Hinsicht eine Herausforderung, auf keinen Fall leichte Kost, denn die Konfrontation mit dem Schicksal dieses Kindes erinnert möglicherweise an eigene Verletzungen in der Kindheit, die Einsamkeiten, die man aushalten musste, macht traurig, dass das Thema immer noch eins ist, und ist sprachlich höchst anspruchsvoll. Der normale Satzbau wird oft außer Kraft gesetzt: seitenlange Aufzählungen, in den laufenden Text eingefügte Gedichte, Kinderlieder, die ich innerlich oft mitgesungen habe, lassen einen beim Lesen ins Stolpern kommen. Dazu trägt auch die nahezu unglaubliche Masse an Neologismen bei. Längen entstehen, weil die Frage nach dem Warum? sich immer wieder aufs Neue und immer wieder anders stellt. Manchmal habe ich gedacht: Jetzt reicht’s, weniger ist mehr. Doch macht die Länge, die Ausführlichkeit das Ausmaß des Traumas m.E. nur noch deutlicher.

Peter Wawerzinek, Rabenliebe, Roman, 2. Aufl. Berlin 2010, 429 S. ISBN 978-3-86971-020-4

Datum: 14. Dezember 2010
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5 Kommentare

  1. Quer | Mittwoch, 15. Dezember 2010 6:43
    1

    Toll, wie du das Buch “durchleuchtest”, Mona Lisa! Ich denke, dass es sehr berührend ist, ein solches Schicksal nachzuvollziehen.

    Danke jedenfalls für die aufschlussreiche Besprechung.

    Liebe Grüsse,
    Brigitte

  2. Wildgans | Mittwoch, 15. Dezember 2010 11:24
    2

    manchmal will ich mir einen film oder ein buch nicht zumuten. ich habe da meine gründe.
    vielleicht traue ich mich doch irgendwann an dieses buch.
    gruß von sonja

  3. 3

    […] mit sich selbst verabredet – über Freuden und Qualen des Alleinseins” geht es um die Einsamkeit als ein zur menschlichen Existenz gehörendes Phänomen: das Alleinsein, die Ein-samkeit […]

  4. 4

    […] lauen Sommernacht dieses Jahres, bei für mich sehr angenehmen Temperaturen, habe ich mit Wawerzineks neuem Roman “Schluckspecht” […]

  5. 5

    […] “Rabenliebe” nun “Schluckspecht”. Hier wie dort geht es um Liebe, um fehlende Liebe bzw. […]

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