Die fertig-volle Welt wird umgestellt

Lesen war schon immer meine Leidenschaft, seit ich lesen kann, lese ich – fast alles – was mir vor die Augen kommt. Für ein gutes Buch habe ich und hatte ich immer Zeit. Woher ich die genommen habe? Ich weiß es im Nachhinein nicht. Die Erfahrungen, eine andere Welt zu betreten und als ein Veränderter zurückzukommen, beschreibt Rilke in seinem folgenden Gedicht:

Der Leser

Wer kennt ihn, diesen, welcher sein Gesicht
wegsenkte aus dem Sein zu einem zweiten,
das nur das schnelle Wenden voller Seiten
manchmal gewaltsam unterbricht?

Selbst seine Mutter wäre nicht gewiß,
ob er es ist, der da mit seinem Schatten
Getränktes liest. Und wir, die Stunden hatten,
was wissen wir, wieviel ihm hinschwand, bis
er mühsam aufsah: alles auf sich hebend,
was unten in dem Buche sich verhielt,
mit Augen, welche statt zu nehmen, gebend
anstießen an die fertig-volle Welt:
wie stille Kinder, die allein gespielt,
auf einmal das Vorhandene erfahren;
doch seine Züge, die geordnet waren,
bleiben für immer umgestellt.

(Rainer Maria Rilke)

Datum: 19. September 2011
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Ein Kommentar

  1. Quer | Dienstag, 20. September 2011 6:13
    1

    Ja, so stelle ich mir das auch vor, wenn jamend so intensiv in die Lesewelt eintaucht.

    Liebe Grüsse,
    brigitte

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