Julia Onken, Rabentöchter

“Nun war also meine Mutter tot. Eine komplizierte und zum Teil quälende Beziehung war beendet. Die letzten Jahre waren vom Bemühen geprägt gewesen, einigermaßen miteinander zurechtzukommen, wenngleich die Versuche mehr oder weniger vom schweigendem Groll überschattet waren.”
Der Tod der Mutter ist für Julia Onken Anlass, den Ursachen auf den Grund zu gehen, weshalb sie zu der Überzeugung kam: “Frausein ist eine ziemlich beschissene Sache”. Sie wollte wie viele deshalb auf keinen Fall so werden wie ihre Mutter und auf keinen Fall so eine Mutter sein.
Das führte zu heftigen inneren und äußeren Auseinandersetzungen, zu endlosen Abgrenzungsversuchen und dem Widerstand gegenüber den emotionalen Erpressungen der Mutter. Das Ergebnis:

“In ihren Augen war ich einfach die Rabentochter, die sich zu wenig um sie kümmerte.”

Gottfried Benns Gedicht “Mutter” in der Todesanzeige für die Mutter stieß auf große Resonanz und Onken merkte, wie viele Frauen in problematischen Mutter-Tochter-Beziehungen stecken, die ihre Energien in ständigem Gerangel miteinander verschwenden, statt sich offen als Menschen zu begegnen.

Die Beschäftigung mit dem Leben ihrer Mutter führte bei ihr zu größerem Verständnis für diese und für ihre eigenen Abgrenzungsversuche mit dem Ziel ein selbstständiges, selbstbestimmtes Leben zu führen.
Warum diese Abnabelung so selten harmonisch, entspannt gelingt, macht sie in Kapiteln klar wie: “Drehbuch Muttermythos”, “Demütigung Geld”, “Die Beschämung”, “Vom Ende der Schuldgefühle” und “Vom Anfang einer neuen Mutter-Tochter-Beziehung”.
Ein lesenswertes Buch für Mütter und Töchter, die ja vielfach auch schon wieder Mütter sind. Denn es ermöglicht Verstehen, Voraussetzung für gelingende Beziehungen, auch zwischen Müttern und ihren Kindern.

Julia Onken, Rabentöchter, Warum ich meine Mutter trotzdem liebe, 2. Aufl. München 2011, 181 S., ISBN 978-3-406-62426

Datum: 25. Februar 2013
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3 Kommentare

  1. 1

    […] Julia Onken sich in “Rabentöchter” für den Dialog zwischen den Generationen einsetzt, so macht Sabine Bode in ihrem Buch […]

  2. rosadora | Mittwoch, 27. Februar 2013 11:39
    2

    irgendjemand muss ja da sein, um die eigenen probleme abarbeiten zu können.
    die eigene mutter ist ein beliebtes objekt.
    mütter sind nie die, die man haben möchte, und wenn doch, führt das zu nicht weniger problemen. daran wachsen und lernen die eigene welt gerade zu rücken. ich war in den augen meiner schwester immer die tolle und grosse und talentierte. und sie war die niedliche, schöne. sie kann sich an alles erinnern und ich an fast nicht. das sind verschiedene umgehensweisen. und geschwister können schon verdammt verschieden sein.
    sich von onken nichts einreden lassen – selber gucken und am selbstbewusstsein arbeiten.
    ich weiss, was ich sage, ich habe bereits enkelkinder.
    rosadora

  3. mona lisa | Mittwoch, 27. Februar 2013 15:10
    3

    Rosadora, selber gucken ist immer sinnvoll.
    Kennst du das Buch? Ich habe beim Lesen nicht den Eindruck gehabt, es gehe darum, an der Mutter Probleme abzuarbeiten, sondern eher Verständnis für weibliche Sozialisation zu bekommen, für die der Mutter und für die eigene.

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