Roswitha Haring, Stadt Tier Raum

“Eines Tages lag eine Blaumeise auf den Stufen. Unversehrt lag sie auf der Seite, als ob sie schliefe, als ob sie jemand mit zarter Hand dahin gelegt hätte.”

So zart beginnt diese Erzählung, als erster Band des neugegründeten SPRUNGTURM Verlags in Köln erschienen, in graues Leinen gebunden, der Titel erspürbar, da er wie eingestempelt ist und einem dennoch in Orange entgegen leuchtet. (Ein Lesebändchen in der gleichen Farbe wie der Titel wäre das I-Tüpfelchen gewesen!).

So wie andere Menschen sich an Kirchen, Sparkassen oder Tankstellen orientieren, ist die Aufmerksamkeit der Ich-Erzählerin auf die Tiere in der Stadt ausgerichtet, die überall – sichtbar, meist aber eher unsichtbar – leben und die für sie Anlässe liefern, sich assoziativ an ihre Vergangenheit, ihre Kindheit in einem Dorf, an diverse Freundschaften und Begegnungen mit Menschen zu erinnern:

“Die Fliege summte und drehte ihre Runden, als hinge sie an einem Zirkusseil. Für einen Moment war ein Sommer im Garten wieder da. Die Wärme, die Trägheit, die Gerüche, und die Unendlichkeit von allem, mein Vater irgendwo, meine Mutter im Haus.”

Es sind die Mäuse in Tunneln, Kellerasseln und Schnecken im Garten, Maden in der Biotonne und Motten aller Art in Küchen und Schränken und der Umgang der Menschen mit diesen Tieren und denen, die im Zoo leben. Roswitha Haring nimmt Redewendungen unter die Lupe, von denen sie nicht sicher ist, für wen sie eigentlich eine Beleidigung darstellen: “dummes Schaf, falsche Schlange, blöde Kuh, doofe Ziege, … gesengte Sau” und was der Redensarten und Beschimpfungen mehr sind.

Die Sätze scheinen manchmal endlos, ob der Assoziationen, die gewisse Begebenheiten auslösen. Scheinbar mühelos kommen sie daher und erfordern doch hohe Lesekonzentration, um ihnen in ihrer Länge, ihren (Um-) Wegen zu folgen. Eine Mühe, die sich lohnt.

Ich werde mir jetzt Harings ersten Roman “Ein Bett aus Schnee” besorgen, für den sie mit dem apekte Preis ausgezeichnet worden ist.

Roswitha Haring, Stadt Tier Raum, Köln 2013, 107 S., ISBN 9-783981-506150

Datum: 22. August 2013
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6 Kommentare

  1. Jan S. Kern | Donnerstag, 22. August 2013 8:12
    1

    Danke für die interessante Rezension und einen schônen Tag!
    Jan

  2. mona lisa | Donnerstag, 22. August 2013 8:34
    2

    Ja, gern, ich finde das Buch wirklich lesenswert. Es bietet ungewohnte Ein- u. Ausblicke!

  3. Quer | Donnerstag, 22. August 2013 8:52
    3

    Das macht auch bei mir Lust aufs Lesen dieses Buchs. Danke!

    Lieben Gruss, Brigitte

  4. rosadora | Donnerstag, 22. August 2013 8:57
    4

    und das orientieren an tieren
    an bäumen steinen
    das gefällt mir
    das kenne ich…
    rosadora

  5. mona lisa | Donnerstag, 22. August 2013 9:17
    5

    Dann könnte dir die Erzählung vielleicht auch gefallen, Rosadora.

  6. mona lisa | Donnerstag, 22. August 2013 9:18
    6

    Dann greif zu, Quer und wenn du magst, schreib mir eine kurze Rückmeldung.

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