Marcel Reich-Ranicki, Mein Leben

Sein Tod war mir Anlass, die seit langem im Regal stehende Biografie zur Hand zu nehmen und zu lesen. Es ist das Buch eines Literaturkritikers über sein Leben mit und für die Literatur, vornehmlich die deutsche, was nicht unbedingt selbstverständlich ist, da Reich-Ranicki Jude war und es Zufällen und der Hilfsbereitschaft einer polnischen Familie verdankt, den Holocaust überhaupt überlebt zu haben.

Literatur war ihm Lebensinhalt, Lebensunterhalt, Heimat, wo sie ihm im Außen fehlte. Er führte ein „monologisches Dasein“- lesen, schreiben – das nur durch Telefonate mit Menschen wie Walter Jens und anderen unterbrochen wurden, die, ähnlich einsam, an einem intellektuellen Diskurs interessiert waren. Von seiner Frau ist in diesem Zusammenhang nie die Rede.

Geht es um Gefühle von Einsamkeit oder um Ausgegrenzheit so greift er zu literarischen Zitaten, etwa wenn er Friedrich Schlegel zitiert:

“ Längst habe ich bemerkt, welchen Eindruck ich fast immer mache. Man findet mich interessant und geht mir aus dem Wege … Am liebsten sieht man mich aus der Ferne, wie eine gefährliche Rarität.“

Ein Mann mit ungeheuerem Willen, der an die Kraft der Literatur geglaubt hat, die er möglichst vielen Menschen nahebringen wollte, auf seine ihm eigene Art und Weise, wie auch sonst? Wie er als Mensch war, kann man nur zwischen den Zeilen lesen.

Marcel Reich-Ranicki, Mein Leben, 11. Aufl. Stuttgart 2000, 556 S. plus Personenregister, ISBN 3-421-05149-6

Datum: 9. Oktober 2013
Themengebiet: Buch-Rezensionen, Rezensionen Trackback: Trackback-URL
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