entlassen zu uns selbst

Bitte

Wir werden eingetaucht
und mit dem Wasser der Sintflut gewaschen,
wir werden durchnässt
bis auf die Herzhaut.

Der Wunsch nach der Landschaft
diesseits der Tränen
taugt nicht,
der Wunsch, den Blütenfrühling zu halten,
der Wunsch, verschont zu bleiben,
taugt nicht.

Es taugt die Bitte,
dass bei Sonnenaufgang die Taube,
den Zweig vom Ölberg bringe.
Dass die Frucht so bunt wie die Blüte sein,
dass noch die Blätter der Rose am Boden
eine leuchtende Krone bilden.

Und dass wir aus der Flut,
dass wir aus der Löwengrube
und dem feurigen Ofen
immer versehrter und immer heiler
stets von neuem
zu uns selbst
entlassen werden.

(Hilde Domin, aus: Der Baum blüht trotzdem, S. Fischer Verlag, Frankfurt 1999)

Datum: 3. Dezember 2013
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Ein Kommentar

  1. Elisabeth Külls | Montag, 8. September 2014 12:21
    1

    Guten Tag,

    es verbietet sich von allein, diese großartigen Worte zu kommentieren.

    Dankbar wäre ich, in Ihren Verteiler aufgenommen beziehungsweise benachrichtigt zu werden, wenn es denn um neue Beiträge geht.
    MfG

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