Zweck der Kunst

Die Kunst verfolgt ganz im Gegenteil nicht den Zweck, Gesetze zu erlassen oder zu herrschen, sondern zuallererst, zu verstehen. Zuweilen herrscht sie, weil sie versteht. Aber nie ist ein geniales Werk aus Haß und Verachtung entstanden. Darum spricht der Künstler am Ende seines Weges frei anstatt zu verdammen. Er ist nicht Richter, sondern Rechtfertiger. Er ist der unermüdliche Fürsprecher des lebendigen Geschöpfes, eben weil es lebendig ist. Er plädiert wahrhaft für die Nächstenliebe, nicht für jene Fernliebe, die den zeitgenössischen Humanismus zu einem Katechismus der Gerichtshöfe erniedrigt. Im Gegenteil: das große Werk beschämt schließlich alle Richter. In ihm ehrt der Künstler gleichzeitig das erhabenste Bild des Menschen und verneigt sich vor dem schäbigsten Verbrecher …

(Albert Camus)

Datum: 27. Dezember 2013
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Ein Kommentar

  1. Quer | Freitag, 27. Dezember 2013 11:04
    1

    Sicher, die Kunst steht sozusagen über allem, nicht rechthaberisch, aber souverän und unabhängig, frei von jeglichem Zweck und Ziel…
    Wie schön Camus das in Worte fasst!

    Lieben Gruss,
    Brigitte

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