Jonathan Littell, Die Wohlgesinnten

Ein in den Sechzigern in New York geborener Jude schreibt aus der Perspektive eines SS-Offiziers dessen Erinnerungen an die Nazizeit auf. Das hat mich neugierig gemacht, zumal mich literarische Verarbeitungen dieses Themas schon immer interessiert haben.

Doch das Buch ist in jeder Hinsicht eine Zumutung:

– wegen des Umfangs von 1383 S. kaum zu halten, aber noch händelbar

– der Inhalt ist erwartungsgemäß grauenvoll, aber durch den Detailreichtum der beschriebenen Liquidationen, die dabei entstehenden Probleme sowie der Suche nach Lösungen schier unerträglich. Hinzu kommen minutiös geschilderte sexuelle Phantasien mit seiner Schwester, die er zum Teil in einem einsam gelegenen Gutshof für sich so auslebt, dass man den Eindruck hat, er habe seinen Verstand nun gänzlich verloren.

– auch die Darstellung anderer Aspekte, etwa der Frage, wann ist ein Mensch ein Jude und wann nicht, gibt es darauf „wissenschafltiche“ Antworten, die weiterhelfen können bei der Entscheidung, wer überleben darf und wer nicht nicht, ist derart detailliert, dass es schon einer „wissenschafltichen“ Abhandlung nahe kommt. Diese Darstellungsart macht natürlich gleichzeitig die verbissene Bemühung der Nazi-Schergen deutlich, diese Frage sachlich anzugehen. Als ob das überhaupt möglich wäre.

Ich habe Monate gebraucht, dieses Buch zu lesen, auch zu Ende zu lesen. Empfehlen kann ich es nur bedingt. Wirklich schlauer bin ich nicht geworden, vielleicht auch, weil ich zu dem Thema schon zahllose Romane und auch Sachbücher gelesen habe. Die Frage, warum ich mich durchs Buch gequält habe, kann ich nicht wirklich beantworten. Ich musste und wollte.

Jonathan Littell, Die Wohlgesinnten, a.d. Französischen v. Hainer Kobler, Berlin 2008 (ungekürzte Lizenzausgabe), 1383 S

Datum: 2. Januar 2014
Themengebiet: Buch-Rezensionen, Rezensionen Trackback: Trackback-URL
Feed zum Beitrag: RSS 2.0

Ein Kommentar

  1. Sonja | Donnerstag, 2. Januar 2014 8:50
    1

    Wie schon an anderer Stelle gesagt, möchte ich mich nicht an aufsteigende Übelkeit erinnern. Diese machte es mir unmöglich, das ganze „Werk“ zu lesen; ich glaube, es war eines meiner dicksten quer gelesenen Bücher, zum wahnsinnig werden, sich immer wieder fragen, wer nun absolut pervers ist. Ich wollte es nicht sein, fühlte mich aber von dem unguten Gefühl bedroht. Weiß aber auch noch, dass ich es kaum fassen konnte, wie haarklein auf den Punkt der Autor sich in solche Bestien reinversetzen konnte, ihre ss-seelische Schieflage aufzuzeigen in der Lage war…

Kommentar abgeben