künstlerische Ökonomie

Aber zeugt es nicht von einer guten Ökonomie, daß sensitive Künstler in ruhigen Zeiten und unter günstigen Umständen ungestört nach der schönsten und passendsten Form für ihre tiefsten Erkenntnisse suchen können, an denen sich Menschen, die in bewegteren und kräftezehrenden Zeiten leben, aufrichten können und in denen sie ein fertiges Gehäuse vorfinden für ihre Verwirrung und ihre Fragen, die noch zu keiner eigenen Form und Lösung gelangt sind, weil die tägliche Energie für die täglichen Nöte aufgebraucht wird? In schweren Zeiten pflegt man gelegentlich mit einer verächtlichen Geste die geistigen Errungenschaften von Künstlern aus sogenannten leichteren Zeiten (Künstler-Sein ist doch an sich schon so schwer?) über Bord zu werfen mit der Bemerkung: Was sollen wir denn jetzt damit anfangen?
Das ist vielleicht verständlich, aber es ist kurzsichtig. Und eine ungeheure Verarmung.

(aus: Etty Hillesum, Das denkende Herz, S. 207)

Datum: 25. Februar 2014
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