Gioconda Belli, In der Farbe des Morgens

Manchmal muss es einfach ein Gedicht sein, kein Krimi, kein Roman, kein Sachbuch, einfach ein Gedicht.
Heute Morgen habe ich „In der Farbe des Morgens“ gestöbert, eine schon 1992 herausgegebene Auswahl von Gedichten der lateinamerikanischen Lyrikerin Gioconda Belli. Und ich bin begeistert.

Es sind Gedichte voller (weiblicher) Phantasie, Erotik. Sie strotzen vor Selbstbewusstsein. Da gibt es „Spielregeln für Männer, die mich lieben wollen“, ein „Hexeneinmaleins zum Träumen“. Ihre Gedichte waren zur Zeit ihres Erscheinens ein Skandal, weil sie offen weibliche (sexuelle) Wünsche und Phantasien ansprechen.

„Ich fühlte instinktiv, daß ich die Schlange vom Baum des Lebens geholt hatte.“

Bitte

Kleide mich in Liebe
denn ich bin nackt,
bin unbewohnte Stadt,
benommen von Lärm,
taub von Trillern,
trockenes Blatt im März.

Umhülle mich mit Freude,
ich wurde nicht geboren, um traurig zu sein,
die Traurigkeit ist mir zu weit
wie ein fremdes Kleid.

Ich will wieder brennen,
den salzigen Geschmack der Tränen vergessen,
die Löcher in den Lilien,
die tote Taube auf dem Balkon.

Noch einmal mich wiegen im wehenden Wind
schäumede Welle,
Meer über den Klippen meiner Kindheit,
Sterne in den Händen,
lachende Lampe auf dem Weg zum Spiegel,
in dem ich mich wieder schaue
heilen Leibes,
beschützt,
an die Hand genommen,
vom Licht,
von grüner Wiese und Vulkanen,
das Haar voller Spatzen.
Schmetterlinge sprießen aus meinen Fingern,
Luft nistet in den Zähnen
und kehrt zurück zur Ordnung
des Universums bewohnt von Zentauren.

Kleide mich in Liebe,
denn ich bin nackt.

Gioconda Belli, In der Farbe des Morgens, Gedichte, München 1992, 119 S., ISBN 3-423-11565-3

Datum: 4. März 2014
Themengebiet: Buch-Rezensionen, Gedichte, Rezensionen Trackback: Trackback-URL
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Ein Kommentar

  1. Quer | Mittwoch, 5. März 2014 7:17
    1

    Einfach nur wunderschön sinnlich und poetisch!

    Liebe Grüsse,
    Brigitte

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