Der Tag, der gestern vergangen

Gestern ist nicht heute mehr: Es ist weg, es ist dahin.
Es verspührt, empfindet, fühlet, sieht und höret unser Sinn
Nichts von seiner Gegenwart. Gestern ist, wie ein Geschrey,
Das im Augenblick verschwindet, auch verschwunden und vorbey.
Alles gestrige Vergnügen, Lachen, Fröhlichkeit und Schertz
Ist nunmehr ein leeres Nichts. Aber auch ein bittrer Schmertz,
Der uns gestern drückt′ und fraß, der uns Marck uns Bein durchwühlet,
Hat mit gestern aufgehört, und wird heute nicht gefühlet.
Eines Reichen fröhlichs Gestern ist mit allem seinen Prangen,
Und des Armen elend Gestern auch mit aller Noth vergangen.
Beydes bringt besondern Trost. Denn die kurtze Daur der Freuden
Tröstet alle, die nicht glücklich: Und, die Pein und Schmertzen leiden,
Werden ungemein gestärckt, wenn sie dieses überlegen,
Und die unleugbare Wahrheit dieser Lehre wohl erwegen:

Indem du gestern keine Plagen
Mehr fühlen kannst, noch darfst ertragen;
So mind′re Kummer und Verdruß,
Und kräncke dich nicht mehr so sehr auf Erden.
Es wird, mit ungehemmtem Fluß,
Ein jedes Heute Gestern werden.

Barthold Hinrich Brockes
(* 22.09.1680 , † 16.01.1747)

Datum: 22. August 2014
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4 Kommentare

  1. Quer | Freitag, 22. August 2014 6:32
    1

    Er hatte schon Recht, der Herr Brockes, schon damals. Der Schmerz und die Freude eines Tages gehen unwiederbringlich vorbei. Unerträglich wird es aber dann, wenn „Pein und Schmertzen“ Tag für Tag andauern und niemand weiss, wann und ob überhaupt Erlösung kommt…

    Nachdenkliche Grüsse, vom Weltgeschehen überschattet,
    Brigitte

  2. mona lisa | Freitag, 22. August 2014 6:46
    2

    Das Vorbeigehen wird oftmals auch durch die Erinnerung verzögert, erschwert.
    Das Weltgeschehen macht betroffen, nachdenklich: Wie ist Frieden möglich?

  3. Sonja | Samstag, 23. August 2014 14:47
    3

    Alles ist eine Phase.
    Ist das ein Trost?

  4. mona lisa | Samstag, 23. August 2014 15:07
    4

    Vielleicht, wenn man sich klarmacht, dass es eine Phase ist ;)

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