Peter Wawerzinek, Schluckspecht

Nach „Rabenliebe“ nun „Schluckspecht“. Hier wie dort geht es um Liebe, um fehlende Liebe bzw. fehlgeleitete Liebe, hier ist es die „Liebe“ zum Alkohol. Dieser Roman erzählt anschaulich, auf die Wawerzineks eigene sprachliche Weise, die Karriere eines Trinkers, eines Säufers, einer Schnapsdrossel, eines Schluckspechtes und was der Bezeichnungen mehr sind.

Deutlich wird, wie allgegenwärtig Alkohol sich nicht nur im täglichen Leben vieler Menschen, sondern folgerichtig auch in der Sprache eingenistet hat. Trinksprüche, Lieder, Redensarten zuhauf. Man kann ihm kaum entgehen, kommt er doch so nett daher als „Schwarze Johanna“, als „Eierlikörchen“, „Rumtopf“ als Zugabe im Essen, im Dessert und das alles gesellschaftlich anerkannt und doch irgendwie heimlich.

Onkelonkel und Tante Luci, bei denen der Erzähler aufwächst, weil seine Eltern sich nicht um ihn kümmern, trinken auf ihre je eigene Art. Der Onkel macht eine „Wissenschaft“ daraus. Die Tante trinkt quasi heimlich, stellt für andere Eierlikör und vieles mehr her: Vieles davon landet aber in ihrem Keller und rinnt später durch ihre Kehle.

Alkohol als Kompensation für fast alles im Leben, was scheinbar schief läuft. Und was kann nicht alles schief laufen. Mit Alkohol hast du immer Menschen um dich herum, wenn man so trinkt wie der Erzähler, nämlich öffentlich in Kneipen, solange bis der Wirt ihn rausschmeißt, immer wieder, immer wieder, ihm aber beim nächsten Mal wieder und wieder Alkohol ausschenkt, denn schließlich lebt er ja davon. Es geht stetig bergab: Verletzungen sind an der Tagesordnung, Filmrisse ständiger Begleiter. Die Sucht hat ihn im Griff.

Irgendwann taucht Tante Luci, nach dem Tod von Onkelonkel selbst auf dem Weg ein Alkohol-Messi zu werden, beim Erzähler auf, verfrachtet ihn in ein Auto und bringt ihn in eine Einrichtung, dessen Leiter sie kennt. Der Arzt nimmt den Ich-Erzähler auf und begleitet ihn auf sehr ungewöhnliche, aber erfolgreiche Weise aus der Sucht, weckt dessen Verantwortung für das eigene Leben, fördert dessen Talente, indem er ihn immer wieder ermuntert zu schreiben. Und: Er konfrontiert Tante Luci mit ihrer Trinksucht.

Der Roman weist wenig Handlung auf, was aber nur folgerichtig ist. Dennoch lesenswert für die, die Interesse an Sprache haben, an Wortwitzen, am Sezieren von Worten in ihre Bestandteile. Für die, die sich für menschliche Schicksale interessieren, deren Abgründen und Entwicklungsmöglichkeiten, die immer noch vorhanden sind, wenn denn da Menschen sind, die einen unterstützen und einem doch nicht die eigene Entwicklung und Verantwortung nehmen. Die vor allem da sind, wenn man nach Rückschlägen wieder meint, es nicht zu schaffen.

Peter Wawerzinek, Schluckspecht, Roman, Berlin 2014, 457 S., ISBN 978-3-86971-084-6

Datum: 21. August 2014
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3 Kommentare

  1. Quer | Donnerstag, 21. August 2014 7:19
    1

    Sehr schön und anregend, deine Buchbeschreibung, Mona Lisa. Sie nimmt einen ein für die Geschichte.

    Dank und lieben Gruss zu dir,
    Brigitte

  2. Svantewit | Samstag, 15. September 2018 21:06
    2

    Seit einiger Zeit durchstöber ich die ostdeutsche Lyrikerszene. Gefällt mir alles furchtbar gut!

  3. mona lisa | Sonntag, 16. September 2018 8:46
    3

    Unter Lyrik würde ich diesen Roman jetzt nicht gerade „ablegen“, aber auf jeden Fall interessant.

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