Macht Denken nüchtern??

Champagner

Ist dein Leben freudenleer –
Trink‘ Champagner!
Ist das Herz von Gram dir schwer –
Trink‘ Champagner!
Hast nicht Wunsch noch Thränen mehr –
Trink‘ Champagner!
Trink‘ Champagner! Es bannt die Trauer
Der leichte Franzose, der rosig glüht,
Jagt die sentimentalen Grillen
Aus dem schweren deutschen Gemüth.

Die lustigen Champagnergeister
Die drehen sich jetzt im Kreis
Und mir im Kopfe summet
Eine seltsam wirbelnde Weis‘.

Sie glauben, daß ich trunken sei
Und wollen mit mir spielen;
O hütet euch, im Rausche erst
Erwachen die bösen Grillen.

Denn wenn ich oft recht toll gelacht,
Gescherzt und mich heiser gesungen:
Hab‘ ich zu übertäuben gesucht
Meine lauten Erinnerungen.

»Wie Jener im Rausch noch denken kann?«
Ihr meint wohl, daß die Gedanken,
So wie die schweren Füße
Auch immer knicken und schwanken.

Mein Leben ist ein langer Rausch,
Und weil ich dabei viel gedacht,
So hat mich das viele Denken
Zuletzt noch nüchtern gemacht.

Ada Christen (1839-1901)

Datum: 28. August 2014
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Ein Kommentar

  1. Quer | Freitag, 29. August 2014 7:18
    1

    Rausch und Denken gehen bei mir nicht so richtig zusammen. Aber das Poem zeigt wunderbar auf, wie rauschhaft und gleichzeitig ernüchternd ein Leben sein kann. Ein wunderbares Gedicht, um darüber nachzudenken…

    Lieben Gruss,
    Brigitte

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