Robert Seethaler, Ein ganzes Leben

„Ein ganzes Leben“ auf 155 Seiten zwischen zwei Buchdeckel – geht das? Und dann auch noch lesenswert.

Ja es geht. Der Roman ist die Lebensgeschichte von Andreas Egger, der als etwa Vierjähriger auf dem Hof eines entfernten Verwandten aufgenommen wird, weil er als billige Arbeitskraft angesehen und auch so behandelt wird, Schläge miteingeschlossen. Er muss von Anfang an mitanpacken und entwickelt mit der Zeit enorme Körperkräfte, trotz seines Hinkefußes. Irgendwann hält er sich auch den schlagenden Bauer vom Hals:

“ ‚Hosen runter!’befahl der Bauer. Egger verschränkte die Hände vor der Brust und schüttelte den Kopf. ‚Da schau her, der Bankert will dem Bauern widersprechen‘ …
‚Wenn du mich schlagst, bring ich dich um!‘, sagte Egger und der Bauer verharrte mitten in der Bewegung. … Kranzstocker ließ den Arm sinken.’Schleich dich jetzt‘, sagte er mit tonloser Stimme, und Egger ging.“

Andreas verdingt sich als Handlanger, spart sein Geld und ist irgendwann in der Lage, die Pacht für ein Stückchen Erde zu bezahlen. Sein Reich mit Quelle, früher Morgensonne, weitem Blick und vor allem: schwer zu erreichen. „Ganz zum Schluss zog er einen niedrigen Zaun um sein neues Heim und baute ein Gattertürchen, und zwar ausschließlich zu dem Zweck, es irgendwann einmal einem eventuell vorbeikommenden Besucher aufhalten zu können.“

Der erste Besucher, dem er das Fattertürchen aufhält ist Marie. Sie hat mit einer Falte ihrer Bluse seinen Oberarm gestreift, als er mit „tief erschrockener Seele“ im Wirtshaus sitzt und sie ihn bedient. Diese Berührung verursacht in ihm einen tiefen, feinen, ihm unbekannten Schmerz, der mit keinem bisher erlebten Schmerz zu vergleichen ist und ihn nicht mehr loslässt.“Er sah sie an, und sie lächelte.“

Es ist der Beginn einer zarten, leisen, fast sprachlosen Liebe, die Andreas Leben verändert. Er lässt Maria bei sich wohnen und sucht sich eine besser bezahlte Arbeit, weil er sich für Marie verantwortlich fühlt.

Eine Naturkatastrophe beendet jäh diese Beziehung. „Er hatte eine Liebe gehabt und sie wieder verloren. Fortan würde ihm nichts Vergleichbares geschehen, das galt für ihn als abgemacht.“

Trotz der Einsamkeit und Leere geht sein Leben weiter, als Soldat im Zweiten Weltkrieg und später dann als Fremdenführer. Sein Fazit: Er „konnte im Großen und Ganzen zufrieden sein.“

Seethaler gelingt es, mit einer zurückhaltenden einfachen Sprache Andreas Leben in seiner Einfachheit und Schlichtheit darzustellen, gleichzeitig aber dessen seelische Befindlichkeiten aufscheinen zu lassen, so dass dieser sehr einfache Mensch einem nach der Lektüre irgendwie ans Herz gewachsen ist. Auf jeden Fall lesenswert!

Robert Seethaler, Ein ganzes Leben, München 2014, 155 S.,ISBN 978-3-446-24645-4

Datum: 1. August 2014
Themengebiet: Buch-Rezensionen, Rezensionen Trackback: Trackback-URL
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