Sofi Oksanen, Fegefeuer

„die Wände haben Ohren
und in den Ohren schöne Ohrringe“
Paul-Erik Rummo

Diese Zeilen von Rummo sind dem Roman vorangestellt, wie auch jedes Kapitel mit Zeilen von ihm beginnen. Das scheinbar Schöne und die Untiefen dahinter und wie das eine mit dem anderen zusammenhängt, das wird dem Leser erst im Laufe dieses bemerkenswerten hochspannendem Romans deutlich.

Der Roman erzählt die scheinbar zufällige Begegnung zweier Frauen, die dennoch eine gemeinsame Geschichte haben, vor allem aber ähnliche Erfahrungen gemacht haben, wenn auch aus sehr unterschiedlichen Gründen. In ihnen begegnen sich sowjetisch geprägte Vergangenheit und westlich orientierte Gegenwart.

Aliide Truu ist eine alte, allein lebende Frau in einem Bauernhaus in West-Estland, die eines Morgens ein regloses Bündel vor der Tür findet, mit Hausschuhen an den Füßen, aus russischer Produktion:
„Das Bündel war ein Mädchen. Verdreckt, zerlumpt und ungepflegt, aber doch ein Mädchen. Ein völlig unbekanntes Mädchen. Ein Mensch aus Fleisch und Blut. … Auf den rissigen Nägeln Reste von rotem Nagellack. Über die Wangen waren Streifen von Wimperntusche gelaufen. … Violette Farbe hatte sich in den Falten der Lider gesammelt, und die schwarze, durchscheinende Strumpfhose hatte Laufmaschen. Die Knie waren nicht ausgebeult, das Gewebe war dicht und gut. Natürlich Weststrümpfe.“

Die sehr genaue Beschreibung des Äußeren, die vorsichtige Art, wie Aliide sich dem Mädchen nähert, lässt manches bereits erahnen. Doch die Untiefen ihrer Erfahrungen sind kaum vorstellbar, manchmal kaum aushaltbar, obwohl oder vielleicht auch gerade deshalb, weil Grausamkeiten nicht detailliert geschildert, sondern ausgelassen werden. Nur die körperlichen Reaktionen, das Verhalten der Betroffen lassen sie als Opfer erkennen.

Doch Opfer sind nicht nur Opfer, zum Teil sind sie auch Täter, die subtile Grausamkeiten begangen haben mit fürchterlichen Konsequenzen. In die Geschichte der beiden Frauen eingeflochten sind die estnischen Okkupationserfahrungen, das Auftreten und Agieren der jeweiligen Sieger. Und es ist die Geschichte zweier Schwestern, die den gleichen Mann lieben, mit verheerenden Folgen.

Mehr möchte ich nicht verraten. Der Roman ist in seinen Handlungssträngen vielfach verflochten. Manche Zusammenhänge erschließen sich erst nach und nach, was sicher auch zur Erhöhung der Spannung beiträgt. Dennoch ist der Roman gut lesbar. Sehr empfehlenswert.

Sofi Oksanen, Fegefeuer. Roman, a.d. Finnischen von Angela Plöger, München 4.Aufl. 2012, 396 S. einschließlich des von der Übersetzerin zusammengestellten Glossars, ISBN 978-3-442-74212-7

Datum: 19. August 2014
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4 Kommentare

  1. Karl | Dienstag, 19. August 2014 12:42
    1

    Was unterschiedlicher nicht sein kann: zwei Schwestern gehen, jede auf ihre eigene Art, mit den Besatzern ihres Heimatlandes um. Die eine bleibt bei Ihren für Sie lebenswirksamen Lebenseinstellungen, um wirklich jeden Preis. Die Schwester verhält sich opportunistisch, sie nimmt das , was sich für Sie zunächst als Vorteil erwarten läßt, zahlt am Ende Ihren Preis.
    Ganz langsam beginne ich die Belastungen der Menschen zu verstehen, die durch äußere Gewaltherrschaft zu einem Leben gezwungen werden, das sie gar nicht wollen…..

  2. mona lisa | Dienstag, 19. August 2014 13:01
    2

    und: Verstehen verhindert Verurteilen.
    LbG
    und
    danke für diesen Lesetipp!! Bitte weiter so!

  3. Sonja | Dienstag, 19. August 2014 21:34
    3

    Das Buch las ich vor ca. anderthalb Jahren, und ich weiß noch, dass mir manchmal übel war, so richtig körperlich (was für die sehr eindringliche Erzählweise spricht)- noch einmal würde ich es nicht lesen. Ach ja, die Worte meiner Mutter fielen mir ein: Männer sind wie Tiere….

  4. mona lisa | Mittwoch, 20. August 2014 6:16
    4

    Manche verhalten sich vielleicht so.

    Ja, beim Lesen erlebt man die Gewalt in ihrer ganzen Bandbreite , sie ist latent immer vorhanden. Insofern vermittelt die Erzählerin die permanent vorhandene Angst der Opfer. Kaum auszudenken, wie die Betroffenen es real erlebt haben.

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