Cecilie Enger, Die Geschenke meiner Mutter

Es ist ein leises, ein berührendes, ein liebevoll geschriebenes Buch, das der Schriftstellerin und Journalistin da gelungen ist.

Schon der Inneneinband ist verheißungsvoll und macht neugierig. Auf handgeschriebenen Listen mit unterschiedlich farbigen Kugelschreibern sind Fotos von diversen Gegenständen abgebildet. Man sieht ein Auto, ein knieendes Porzellanpferd, eine Kreamikfigur etc. und kann zunächst nichts damit anfangen. Nach der Lektüre weiß man: Sie symbolisieren ein ganzes Familienuniversum.

„Ich war schon lange darauf vorbereitet, dass der Tag kommen würde, aber nur als ein Tag in ferner Zukunft. Der Tag kommt am Samstag, dem 13. November 2010, mit tiefstenender, weißlicher Sonne hinter den Bäumen am Straßenrand, mit Frostdunst über dem Fjord, mit morgenoptimistischen Stimmen aus dem Autoradio und einem Kaffeebecher mit Kunststoffdeckel im Gestell unten neben der Gangschaltung. Ich bin vorbereitet, überwältigt und nachdenklich.“

Cecilie ist auf dem Weg zu ihrem Elternhaus: „Den Kiesweg zum Haus bin ich unendlich oft gegangen, jetzt denke ich, dass es bald das letzte Mal sein wird. Für meine Mutter war es schon das letzte Mal, nur sie selbst weiß das nicht.“

Ein Container steht vor dem Haus, das verkauft werden soll, denn die Mutter lebt seit einiger Zeit als Alzheimerpatientin in einem Pflegeheim und erkennt die eigene Tochter nur noch selten.

Was soll weggeschmissen werden, was nicht? Wer will was behalten?
„Und jedes Mal sagt meine Schwester:’Wie schön, dass du es haben willst. Nimm es ruhig. Wunderbar!‘
Aber ich will das Teil ja gar nicht,ich will nur nicht, das es verschwindet, ich will dass es im Haus bleibt.‘ “

In einer Schublade findet die Ich-Erzählerin Geschenklisten ihrer Mutter, die diese akribisch über Jahrzehnte hinweg geführt hat. Diese Geschenke, für die allein die Mutter zuständig war, rufen mannigfaltige Erinnerungen in Cecilie wach, an Menschen, oft bereits verstorben, an Situationen mit den Eltern, den Geschwistern, den unkonventionellen Großeltern und mit einen Großonkel, der lange in Amerika gelebt und gearbeitet hat und dann verarmt zurückgekommen ist, weil sein gespartes Geld über Nacht einfach nichts mehr wert war. Diese Erinnerungsfetzten lassen vor den Augen des Lesers mosaikartig das Bild einer norwegischen Familie über mehrere Generationen hinweg entstehen.

Besuche im Pflegeheim bei der dementen Mutter, die einst so akribisch geplant und ihr Leben gestaltet hat im Widerstand gegen alle möglichen Gegebenheiten, von einigen wurde sie als die „Neinsagerin“ bezeichnet, sind für Cecilie zunächst sehr, sehr schwierig. Sie verucht immer wieder zu argumentieren, der Mutter auch zu widersprechen. Doch diese Welt ist der Mutter für immer verschlossen.

Als Cecilie beginnt, Gegenstände aus dem Haus mitzubringen, mit der Mutter Lieder zu singen, verhilft sie dieser ab und zu den Übergang aus der tristen Welt im Pflegeheim in die heimeligere Welt der Erinnerungen zu schaffen. Und eine andere Form der Begegnung wird möglich.

Ein berührendes Bich, das nicht ein einziges Mal Gefahr läuft kitschig oder verklärend zu wirken. Ein Buch, dem man viele LeserInnen wünscht.

Cecile Enger, Die Geschenke meiner Mutter, a.d. Norwegischen von Gabriele Haefs, DVA München 2014, 266 S., ISBN 978-3-421-04652-9

Datum: 28. Oktober 2014
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2 Kommentare

  1. Melle | Montag, 27. Oktober 2014 13:04
    1

    Toll! Ich hab soooo lange gewartet, bis es endlich wieder ein Buch dieser Autorin gab. Ich freue mich riesig für sie und für die Leser! <3 Und ganz ehrlich – ich hab nur einen Teil der Rezension gelesen, damit ich für mich möglichst viel noch "geheim" halte.

  2. mona lisa | Montag, 27. Oktober 2014 16:03
    2

    Melle, na dann: großen Lesespaß!!!

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