Ulla Hahn, Spiel der Zeit

Nun liegt er vor der dritte Band über Hilla Palm aus Dondorf, 600 Seiten stark, mit Lesebändchen.

Der Roman beginnt mit der Aufzählung des gesamten „Stammpersonals“, das die Leser schon aus „Das verborgene Wort“ und „Aufbruch“ kennen:

„Ich kann sie doch nicht einfach sitzen lassen im hillije Kölle, meine Hilla, mit dieser Lichtung, dieser Nacht in ihrem jungen Leben, da muss einer her, der sie erlöst, muss Freude her, Party, Lebenslust. Hereinspaziert heißt es noch einmal für Vater Josef Palm und Mutter Maria Palm, für die Großmutter Anna Rüppli, den Bruder Bertram, Altstraße 2; für Tante Berta, Onkel Schäng und die Cousinen Maria und Hanni“.
Diese Eingangssätze bieten in jeder Hinsicht einen Vorgeschmack auf den Roman.

Die Erzählperspektive wechselt immer wieder vom Ich-Erzähler zum personalen oder auch auktorialen Erzähler, Hilla mehr oder weniger nahe. Die Autorin – oder ist es der Ich-Erzähler? – (er-)klärt schon zu Beginn sein Verhältnis zur Protagonistin dieses Romans:

„Hilla ist nicht mehr allein. Ich selbst schaue meiner jüngeren Schwester über die Schulter, wann immer mir danach ist, übernehme gewissermaßen das Kommando über meine Vergangenheit, die ja ihre, Hillas, Gegenwart ist. Übernehme zudem die Verantwortung für Hillas Erfahrungen, die ja auch die meinen sind, übernehme die Verantwortung für meine Erfindungen, die nicht die meine, aber doch Hillas Erfahrungen sind.“

Hilla beginnt in Köln Germanistik zu studieren, wohnt in einem katholischen Studentenwohnheim und beginnt ein für sie in jeder Hinsicht neues Leben. Sie erkundet die Straßen Kölns, findet Anschluss bei Mitbewohnerinnen des Studentenwohnheims und sogar eine Freundin. Pendelt an den Wochenenden immer wieder zwischen Dondorf und Köln und jobt nebenbei, um ihre karge Unterstützung aufzubessern.

Bei einer Karnevalsfeier lernt sie Hugo kennen, Student aus sehr gutem Hause. Mit ihm, seiner liebevollen zugewandten Art, kann sie ihr Trauma auf der Lichtung ganz allmählich verarbeiten und lernt, wieder zu vertrauen und das Leben zu genießen. Es ist ein Leben an Hugos Hand, an seiner Seite. Durch ihn erlebt sie wieder Lebensfreude, Lebens- und Liebeslust. Beide Elternhäuser hegen mehr oder weniger tiefes Misstrauen gegenüber dieser Beziehung.

Der Roman lässt die Zeit der späten Sechziger mit all seinen politischen und moralischen Vorstellungen wieder aufleben, lässt den Leser an den studentischen Unruhen in all ihren Facetten teilhaben. Da werden neue Lebensmodelle propagiert und ausprobiert. Es wird protestiert, demonstriert, der Friseur verweigert als Widerstand gegen das Establishment.

Leider wird alles in einer solchen (epischen Breite) geschildert, dass selbst der an Germanistik und Sozialwissenschaften interessierte Leser sich manchmal fragt, ob er noch Lust hat, den „Vorlesungen“ zu folgen, denn nicht nur sprachwissenschaftliche Themen werden zwischen Hilla und Hugo erörtert, gespickt mit Zitaten und Gedichten, sondern auch politische Diskussionen, die dann anhand von Auszügen aus den Schriften Marx, von Zeitungsausschnitten, Flugblättern und Parolen der diversen Demonstrationen, Sit-Ins, Teach-Ins nachzuvollziehen sind.

Und dennoch. Mit Ulla Hahns Roman „Spiel der Zeit“ lässt sich diese so wichtige Zeit mit all ihren, auch sprachlichen, Brüchen und Umbrüchen, speziell aus der weiblichen Perspektive, noch einmal vor Augen führen. Erinnerungen an eigene Erlebnisse und Erfahrungen werden wach, und auch Dankbarkeit, dass sich so vieles verändert hat, andere Formen des Zusammenlebens möglich sind, für die man zur damaligen Zeit noch hätte bestraft werden können.

Es ist ein Buch, das die Bereitschaft erfordert, sich auf diese Themen, und die Ulla Hahn sehr eigene Form der Darstellung einzulassen. Auch in diesem Band spielt, jongliert sie mit Wörtern, setzt sie neu, anders zusammen und lotet damit auch ihre Tiefe aus. Sie ist halt auch Poetin, nicht nur Erzählerin.

Ulla Hahn, Spiel der Zeit, DVA, München 2014, 607 S., ISBN 978-3-421-04585-0

Datum: 15. Oktober 2014
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10 Kommentare

  1. Sonja | Samstag, 18. Oktober 2014 19:52
    1

    Das Buch werde ich mir aus meiner Bib holen und schön querlesen. Danke für die Intensivbesprechung!
    Auf die Gedichte von Ulla Hahn habe ich grad mehr Lust.

  2. mona lisa | Samstag, 18. Oktober 2014 22:57
    2

    Ja, der Roman ist schon eine Herausforderung. Die ersten beiden Bände haben mir persönlich besser gefallen. Ich habe sie nicht als so langatmig empfunden, obwohl sie sehr viel innere Handlung darstellten. Vielleicht auch gerade deswegen.
    Lass mich bitte wissen, wie du den Roman findest, wenn du ihn denn gelesen hast.

  3. Sonja | Sonntag, 19. Oktober 2014 21:47
    3

    Kann noch etwas dauern, will erst noch den „Schluckspecht“ lesen, und ein anderes fertig lesen über einen „Helfer zum Tod“. Darüber bald mehr in meinem Blog.

  4. mona lisa | Montag, 20. Oktober 2014 6:49
    4

    Keine Eile, ich kann warten ;)

  5. Tine | Dienstag, 28. Oktober 2014 15:35
    5

    ach, das ist völlig an mir vorbei, dass es den dritten Band gibt, wie schön, das hier zu hören. Der erste Band war eine Offenbarung, auch den zweiten hab ich verschlungen. Dann darf der dritte von mir aus ein wenig langatmig sein, gut, dass ich somit schon gewarnt bin.
    Gruß, Tine

  6. mona lisa | Dienstag, 28. Oktober 2014 16:22
    6

    Ja, man muss sich schon ein wenig Zeit lassen und sich auf ihre Art einlassen, dann geht’s. Dennoch habe ich die beiden ersten Bände mit größerer Begeisterung gelesen.
    Dir viel Spaß beim Lesen und vielleicht nach der Lektüre eine Rückmeldung ;) Würde mich jedenfalls freuen.

  7. Tine | Dienstag, 28. Oktober 2014 18:23
    7

    ja, kann ich gerne machen, es wird aber noch ein wenig brauchen, bis ich es in der Bücherei ergattere.

  8. mona lisa | Dienstag, 28. Oktober 2014 21:54
    8

    Das macht gar nichts, ich hab‘ gelernt zu warten ;)
    Liebe Grüße!

  9. Tine | Dienstag, 13. Januar 2015 17:06
    9

    ich habe das Buch von Ulla Hahn jetzt gelesen und es hat mir durchaus gefallen.

    Natürlich kommt es nicht an den ersten Band heran, der war für mich damals mein Buch des Jahres, den habe ich verschlungen.

    Es geht für mich in ihrer ganzen Trilogie immer wieder um das Neu entdecken, Fremdes entdecken, Erste Male und Ankommen (Lesen lernen, Literatur entdecken, die Welt der Uni entdecken, die Welt außerhalb ihres Milieus entdecken etc.) Insofern ist es naturgemäß von Band zu Band schwieriger, den Zauber des Neuen zu vermitteln. Aber es war eine schöne Ergänzung, insgesamt ist es jetzt für mich eine runde Trilogie geworden.
    Gegen Ende ist es tatsächlich etwas langatmig, aber ich vermute, das muss so sein. Es spiegelt dadurch auch gut die studentische Welt, die endlosen Diskussionen, das viele Theoretisieren usw. Ich glaube ein straffer Text wäre dem nicht gerecht worden.

  10. mona lisa | Mittwoch, 14. Januar 2015 18:26
    10

    Ja, das Neue entdecken, indem man über den vorgegebenen Suppentellerrand schaut, kostet(e) viel Mühe, Anstrenung und Mut.
    Den Hinweis, dass die Länge die Endlosdiskussionen widerspiegelt, finde ich passend.
    Schön, dass dir die Trilogie auch gefallen hat. Und Danke auch für die ausführliche Rückmeldung.
    LbG

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