Der Herbst des Einsamen

Der dunkle Herbst kehrt ein voll Frucht und Fülle,
Vergilbter Glanz von schönen Sommertagen.
Ein reines Blau tritt aus verfallner Hülle;
Der Flug der Vögel tönt von alten Sagen.
Gekeltert ist der Wein, die milde Stille
Erfüllt von leiser Antwort dunkler Fragen.

Und hier und dort ein Kreuz auf ödem Hügel;
Im roten Wald verliert sich eine Herde.
Die Wolke wandert übern Weiherspiegel;
Es ruht des Landmanns ruhige Gebärde.
Sehr leise rührt des Abends blauer Flügel
Ein Dach von dürrem Stroh, die schwarze Erde.

Bald nisten Sterne in des Müden Brauen:
In kühle Stuben kehrt ein still Bescheiden,
Und Engel treten leise aus den blauen
Augen der Liebenden, die sanfter leiden.
Es rauscht das Rohr; anfällt ein knöchern Grauen,
Wenn schwarz der Tau tropft von den kahlen Weiden.

(Georg Trakl)

Datum: 3. November 2014
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2 Kommentare

  1. Quer | Dienstag, 4. November 2014 7:07
    1

    So viel verklärte Poesie – das ist in unserer Zeit schon fast ein Anachronismus –
    aber schön, aber schön ist es doch!

    Liebe Grüsse in den Tag,
    Brigitte

  2. mona lisa | Dienstag, 4. November 2014 10:08
    2

    Ein bisschen Verklärung darf doch sein?!
    Dir einen poetischen Tag!

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