Roope Lipasti, Ausflug mit Urne

Für Jalmari, den Stiefgroßvater von Teemu und Janne, ist es auf jeden Fall der letzte Ausflug. Die beiden ungleichen Brüder machen sich mit Jalmaris Urne auf den Weg zur Testamentseröffnung in Imatra. Anschließend wollen sie seine Asche dem Meer übergeben.

Doch bis dahin haben die Brüder, die jahrelang keinen Kontakt hatten, allerlei Schwierigkeiten zu überwinden: Schwierigkeiten mit den Widrigkeiten der Welt und denen, die sich aus Beziehungen zu Menschen ergeben. „Gereinigt“ treten zum Schluss die Rückfahrt an, ohne Urne, dafür aber mit zwei weiblichen Passagieren.

„Die Dinge waren klarer als seit Langem, gleichzeitig aber auch komplizierter.“

Der Roman ist ein Road-Trip durch Finnland, erzählt aus der Ich-Perspektive Teemus, des großen Bruders, der glaubt, allerlei Rechte am Leben Jannes zu besitzen, seinen Bruder aber nicht wirklich kennt, sondern ihn durch die aus der Kindheit eingetrübte Brille sieht.

„Man glaubt, ehrlich zu sich selbst zu sein, und ist es auch, weil man nur das sieht, was man zu sehen wagt. Janne wagte nicht rechtzeitig zu sehen, wie er und Elli auseinanderdrifteten. Jalmaris Augen weigerten sich, sein Spiegelbild generell zu akzeptieren. Vielleicht war das auch Vaters Art, mit Dingen umzugehen, mit denen er nicht umgehen konnte. Vielleicht hat auch er den Realitätsstar ihm Auge, der ihn daran hindert, die Dinge aus dem Blickwinkel anderer Menschen zu sehen. Vielleicht haben wir den alle.“

„Ausflug mit Urne“ ist zudem auch ein Roman über die Familie der Brüder, die mosaiksteinartig in den Gesprächen der beiden zum Vorschein kommt, und das schwierige Verhältnis von Geschwistern verdeutlicht.

„Janne hat es immer verstanden, alles zu seinen Gunsten zu nutzen. Als Kind praktizierte er das, indem er schrie und forderte, einfach Aufmerksamkeit stahl. Nicht feinfühlig wie ein geschickter Juwelendieb, sondern eher wie ein Suchtkranker, indem er tobte und damit drohte, sich etwas anzutun, falls man sich nicht sofort um ihn kümmerte und ihn verwöhnte.
Und stets war Mutter dazu bereit.“

Janne dagegen fragt:
“ ‚Begreifst du, wie das ist? Wenn man sich während der ganzen Kindheit tagtäglich Vergleiche mit dem großen Bruder abhören muss, der bis tausend und zurück zählen kann, der seine Hausaufgaben macht und nie neben das Becken pisst.‘ “

Die Männer in diesem Roman, ihre Art, Verantwortung zu übernehmen bzw. sich davonzustehlen, kommen nicht allzu gut weg. „Ich dachte an Mutter und begriff, wie wichtig sie gewesen war. … Es war als fehlte der Arbeitsspeicher im Computer, seit Mutter nicht mehr da war. Vater hatte überhaupt nicht das Zeug dazu. Sein Wecker war immer nur für seine eigenen Vorhaben gestellt.“

Doch der Autor geht sehr humorvoll z.T. auch ironisch mit ihnen um. Mag man diese Art skurielen Humors, ist herzhaftes Lachen garantiert, auch wenn es um das Thema Älterwerden geht, dem niemand aus dem Weg gehen kann, schon gar nicht, wenn er eine Urne auf dem Rücksitz transportiert.

Roope Lipasti, Ausflug mit Urne, a.d. Finnischen v. Regine Pirschel, Blessing Verlag München 2014, 320 S., ISBN 978-3-89667-528-6

Datum: 19. November 2014
Themengebiet: Buch-Rezensionen, Rezensionen Trackback: Trackback-URL
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