Hanns Zischler, Das Mädchen mit den Orangenpapieren

„‚Ich bin heimweh‘.“
Dieser Satz von Saskia trifft auch auf Elsa zu, Protagonistin dieser Erzählung. Sie ist nach dem Tod ihrer Mutter mit ihrem Vater von Dresden nach Bayern gezogen, eine Landschaft, die ihr sehr fremd ist. „Elsa findet hier keinen Halt. Alles stürzt.“ Für manche ist sie einfach nur das „Zonenkind“, das sie herablassend meinen behandeln zu können.

Doch da gibt es einige Menschen, die Elsa auf ihre jeweilige Art unterstützen und ihr helfen, sich zu finden. Mit Paul hat sie einen gemeinsamen Schulweg, mit ihm macht sie später auch ihre ersten sexuellen Erfahrungen. Und dann kommt noch Saskia, eine Deutschengländerin, in ihre Klasse. Sie werden Freundinnen und Elsa hilft ihr beim Eingewöhnen. Die Obstfrau des Ortes sammelt für Elsa Orangenpapiere, die die kostbaren Südfrüchte schützen sollen und Elsas Phantasie anregen:

„Sie sind so leicht, dass schon ein Lufthauch, ein Atemzug sie in die Höhe fliegen lässt. Ein Flickenteppich aus Farben und Figuren: Kaum hebt sie eines auf, äugt sie schon nach einem anderen, das in der Flut der bunten Muster aufmerksam betrachtet werden will. Sie buchstabiert die fremdländischen Namen der Händler, ihr wird fast schwindlig von den vielen Göttinnen, Landschaften, Tieren, Pflanzen, Helden und Initialen – und immer wieder „Sicilia“!“

Und da ist noch Kapuste, einer von Elsas Lehrern, den sie mag. Er erzählt ihr während einer Pause mit leuchtenden Augen vom Ätna und der Landschaft um diesen Vulkan. Direktor Ladiges beobachtet die beiden und wirft Kapuste vor, er mache sich „zum Gespött der Schule“, wenn er ihn „Zeit raspeln und Papierchen in die Luft halten“ sehe, statt Pausenaufsicht durchzuführen. Doch Kapuste verabschiedet sich mit dem Hinweis: „Sie haben eine Fahne, Herr Kollege“ und geht. Dann ist Elsa Ofper seiner Machtdemonstration:

„‚Das Papier!‘
‚Es ist doch bloß eine Verpackung.‘
‚Es ist Abfall, Schmutz, her damit!‘
Sie gibt ihm das Ätnabildchen. Seine Hände zittern. Elsa entfernt sich.
Ladiges steht vor dem mannshohen, seit Jahren erkalteten Kamin und zündet das Papier an: Der Ätna zerstiebt zu einem hauchdünnen Gespinst und verglüht auf dem rußigen Stein.“ Elsa greift den Satz Kapustes auf und entwischt dem Direktor in ihr Klassenzimmer.

„Das Mädchen mit den Orangenpapieren“ ist Hanns Zischlers erster literarischer Text, der in kaum miteinander verbundenen Momentaufnahmen vom Aufwachsen einer Jugendlichen in den Fünfziger Jahren erzählt. Die zum Teil herzlose, autoritäre Grundstimmung, die Ablehnung alles Fremden, die Einsamkeit erspürt man beim Lesen ebenso wie das Wohltuende von Freundschaft, Zuneigung und Verständnis, man muss nur zwischen den Zeilen lesen können.

Es ist eine leicht erzählte Geschichte mit viel Tiefgang und auf jeden Fall lesenswert, auch wenn ich über einige Vergleiche und Metaphern gestolpert bin: über Wolken wie „gemalter Pulverdampf“, „Eichhörnchen schrauben sich am Stamm einer Platane in die Tiefe“, „Über verwegen aufsteigende Nadelwälder haben die Gipfel ihre zerzausten Schneekappen gestülpt.“
Aber vielleicht sind sie ja auch stimmig und ich komme nur an meine Vorstellungsgrenzen.

Hanns Zischler, Das Mädchen mit den Orangenpapieren, Galiani Verlag, 2. Aufl. Berlin 2014, 109 S., ISBN 978-3-86971-096-9

Datum: 13. Dezember 2014
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