Julia Jessen, Alles wird hell

„Alles wird hell“ ist ein gelungener Debütroman! Ich habe schon lange keinen Roman mehr gelesen, der mich so fasziniert und gefesselt hat, trotz seiner Schlichtheit in Handlung und Sprache. Er verbindet Einfachheit mit Tiefgang. Und wie tief ich mich einlasse, das entscheide ich als Leser selbst, da mir nichts aufgezwungen wird.

In fünf Kapiteln – fünf Lebensstationen und Zeitaltern entsprechend – erzählt Oda ihr Leben und das ihrer Familie, in die sie eingebunden ist, wenn auch als Grenzgängerin, die manchmal selbst nicht so genau weiß, wo sie hingehört.

Schon als Fünfjährige faszinieren sie Grenzen und fordern sie heraus: einhalten oder übertreten?
“ Bis dahin darf ich. Bis zur Straße. Nicht weiter. Hat Oma gesagt.“
Hinter der gesetzten Grenze wartet das Dunkle, das Unbekannte auf die Fünfjährige, die überlegt, wie sie das Verbot umgehen kann. „Ich muss nur laufen, denke ich. Nein ich muss rennen. … Ich würde nur einen anderen Weg laufen. Einen verbotenen. Ja. Aber ich würde da ankommen, wo ich hindarf.“

Und sie läuft und es passiert nichts. Nur ihr Kleid hat einen Riss. Oma Hella erzählt sie, es sei ein Hund gewesen.

„Ich habe das Gefühlt, ganz dunkel zu werden. Ich fühle es so sehr, dass ich Angst habe, Großmutter könnte es sehen. Wie ich immer dunkler werde.
Meine Großmutter steht im Sonnenlicht. Sie ist ganz hell. Ich stehe auch im Licht, aber ich bin mir sicher, dass ich ganz schwarz geworden bin. Vom Lügen. … Ich blinzle ins Licht. Ich weine, weil ich so dunkel bin. Und weil sie es gar nicht sieht.“

In diesem ersten Kapitel „Abnabelung“ werden die Lebensthemen Odas und die Leitmotive des Romans bereits deutlich. Wie gehe ich mit dem Hellen, dem Dunklen in mir um, wie (weit) zeige ich mich, will ich gesehen werden, wie stehe ich zu dem, was mir lebens-wichtig, gesellschaftlich aber verboten ist? Und wie finde ich dennoch Halt, in einer Familie, in der Nähe nur schwer möglich ist?

„Hella fasst Mama nie an, fällt mir auf. Ich versuche mich zu erinnern, wann die beiden sich das letze Mal in den Arm genommen haben. Weihnachten? Nein, da haben sie sich auf die Wangen geküsst.“ Und Oda nimmt ihre Mutter auch nicht gern in den Arm. Es ist ihr zu eng.

Als Pubertierende sucht sie in „Aufbrüche“ ihren Weg ins Leben. Der Leser begleitet sie dann in den Kapiteln „Dornröschentraum und „Entfremdung“ durch ihre nicht ganz einfache Lebensmitte mit ihren dazugehörenden Krisen. In „Abschiede“ besucht Oda als fast Achtzigjährige die erste Tanzperformance von Lilli, der Enkelin ihrer Schwester. Odas Resümee:

„Ich habe alles versucht, um freizukommen, Ich habe mich abgestrampelt. Gekämpft. Ich habe versucht, jede Form hinter mir zu lassen. Keine Form mehr zu haben. Mich aufzulösen. Das war für mich Freiheit. …
Sie hat einen verzweifelten Kampf ein Ringen um die richtige Form getanzt, den Kampf der Menschen um eine Form, eine Haltung, die sie durchs Leben tragen kann. Die uns hält.“

Letztendlich findet Oda ihre Haltung, für sich selbst und im Hinblick auf ihre Familie. Auch wenn sie sich immer noch fragt: „Was sehen die Menschen denn, wenn sie mich anschauen?“ Doch Die Antwort ist nicht mehr so wichtig. Denn:
„Alles wird hell.“

Damit endet ein berührender Roman, der einen nachdenklich, aber ruhig mit vielen Fragen Odas zurücklässt, die die eigenen sein könnten und auf Antworten warten.

Julia Jessen, Alles wird hell, Verlag Antje Kunstmann, München 2015, 283 S., ISBN 978-3-95614-024-2

Datum: 23. Februar 2015
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2 Kommentare

  1. Funkenflügel | Samstag, 16. Mai 2015 17:19
    1

    Liebe Monalisa!

    Ich habe wieder nach einem neuen Roman gesucht, nach etwas Besonderem, und nach deiner Rezension mir sofort „Alles wird hell“ gekauft. Und ich bin tief beeindruckt und sehr berührt!! Ich habe bis jetzt noch nie ein Buch zwei Mal lesen wollen, aber ich glaube, ich brauche noch ein Mal, um alle Dimensionen Odas Innenlebens zu begreifen. Danke für diesen wunderbaren Tipp!

    Anne

  2. mona lisa | Samstag, 16. Mai 2015 18:12
    2

    Danke für deine Rückmeldung! Ich freue mich stets, wenn auch andere sich für die rezensierten Bücher begeistern können.

    Und, ob du’s glaubst oder nicht, ich habe heute an dich gedacht u. mich gefragt, wie es dir wohl geht!
    Alles Liebe!

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