Ernest van der Kwast, Fünf Viertelstunden bis zum Meer

Schlank und schön – mit rotem Innenfutter und passendem Lesebändchen – ist dieser Roman. Schlank sind auch die langen Beine und Fesseln auf dem Cover. Schon der Anblick des Buches ein Genuss.

Das Lesen ist dann ebenfalls Genuss pur, das Lesebändchen ist fast überflüssig, da man diese faszinierend geschriebende Liebesgeschichte nahezu in einem Rutsch liest. Und die beginnt so:

„Es war der schönste Tag im Leben des Postboten. Sein Telefon begann in dem Moment zu klingeln und zu vibrieren, als er einen Brief mit weißem Umschlag durch den Schlitz von Nummer 5b schob.“

Mit diesen zwei Sätzen beginnt für zwei Menschen ein neuer Lebensabschnitt. Der Postbote wird Vater von Zwillingen. Ezio, der Adressat des Briefes, erhält nach sechzig Jahren das erste Lebenszeichen von Giovanna Berlucchi, der er im Sommer 1945 mit zwanzig Jahren zweimal einen Heiratsantrag gemacht hat.

Sie schreibt:
“ Es tut mir leid, Ezio, dass ich dich erst jetzt lieben kann. Es tut mir furchtbar leid.
Ich möchte dich bitten, all die Jahre, die wir nicht miteinander geteilt haben, zu vergessen. Lass uns die Zeit umkehren … Lass den Zug, der Dich zum Horizont gebracht hat in umgekehrter Richtung fahren, so dass du nicht verschwindest, sondern erscheinst, nicht einsteigst, sondern aussteigst und zu mir kommst, statt für immer wegzugehen.“

Bis zur Abfahrt des Zuges am nächsten Tag erhält der Leser Einblicke in Ezios und Giovannas bisheriges Leben, in den Sommer 1945, als sie sich kennenlernten und viel Zeit miteinander verbrachten, am Meer, zu Fuß in fünf Viertelstunden zu erreichen, und in die Zeit, die sie nicht miteinander verbracht haben.

Die Szenen wechseln zwischen Vergangenheit und Gegenwart, verknüpfen persönliches Leben mit der Geschichte Südtirols, der Landschaft, in der Ezio als Apfelpflücker gearbeitet hat. Und nebenbei erfährt der Leser auch noch von der Erfindung des Bikinis.

Geschrieben ist der Roman in einer Leichtigkeit, die verblüfft, die dennoch Tiefe möglich macht und in knappen Sätzen ganze Lebensgeschichten aufleuchten lässt und mit folgenden Sätzen endet, nachdem Ezio und Giovanna sich auf dem Bahnhof in die Arme geschlossen haben:

„Sie sprachen kein Wort. Es gab nur Schweigen. Tiefes Schweigen. Hundert, zweihundert, dreihundert Jahre.“

Damit überlässt der Erzähler Ezio und Giovanna sich selbst. Dem Leser obliegt es, die Geschichte dort ebenfalls enden zu lassen oder sie sich gedanklich weiterauszumalen. So oder so der Roman ist mit dem Ende eben noch nicht zu Ende. Er lässt einen nicht so schnell los. Wunderbar! Kann man mehr von einem Roman erwarten?

Ernest van der Kwast, Fünf Viertelstunden bis zum Meer, a.d. Niederl. v. Andreas Ecke, Mare Verlag Hamburg 2015, 96 S., ISBN 978-3-86648-205-0

Datum: 8. März 2015
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2 Kommentare

  1. seelenruhig | Dienstag, 10. März 2015 8:44
    1

    Danke für den Buchtipp! Ich habe es soeben bestellt – das ist genau das richtige Geburtstaggeschenk….

    liebe Grüße von Ellen

  2. mona lisa | Dienstag, 10. März 2015 16:28
    2

    Ich hoffe es kommt an. Es ist im wahrsten Sinne des Wortes eine liebe-volle Geschichte.
    Sonnengrüße a.d. Ruhrgebiet

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