neue Augenblicke

Wäre es uns möglich,
weiter zu sehen,
als unser Wissen reicht,

und noch ein wenig
über die Vorwerke
unseres Ahnens hinaus,

vielleicht würden wir dann unsere Traurigkeiten
mit größerem Vertrauen ertragen
als unsere Freuden.

Denn sie sind die Augenblicke,
da etwas Neues in uns eingetreten ist,
etwas Unbekanntes;

unsere Gefühle verstummen
in scheuer Befangenheit,
alles in uns tritt zurück,

es entsteht eine Stille,
und das Neue,
das niemand kennt,

steht mitten darin
und schweigt.

(R.M. Rilke, aus einem Brief an F.X. Kappus)

Datum: 17. Mai 2015
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2 Kommentare

  1. Quer | Montag, 18. Mai 2015 6:33
    1

    Ein Text zum Nachdenken und leise werden: schön!

    Lieben Gruss zum Wochenbeginn,
    Brigitte

  2. Sonja | Montag, 18. Mai 2015 15:12
    2

    Getragen zu lesende Zeilen. Schön!

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