Margarita Kinstner, Mittelstadtrauschen

Dieses Buch hat mich auf Umwegen erreicht. Es steckte in einer Tüte mit Büchern, die für eine Stadtteilbücherei vorgesehen waren. Es ist mir sofort ins Auge gefallen.

„Mit dem bin ich gar nicht klar gekommen! Ich habe schon nach ein paar Seiten aufgehört!“

Das war für mich Herausforderung genug. Und es hat sich gelohnt! Es ist keine einfache Lektüre, da die Autorin in ihrem Romandebüt ein derart verwobenes Beziehungsgeflecht entstehen lässt, dass man jeder Zeit Gefahr läuft, ob der vielen Namen den Überblick zu verlieren. Noch nie habe ich mir so oft während einer Lektüre das Cover angesehen, auf dem die Beziehungen der Personen zueinander wie in einem Soziogramm grafisch dargestellt sind:

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In der Mitte abgebildet ist eine Kaffeetasse, mit der alles beginnt. Marie, die eigentlich Laetitia heißt, ist in einem Wiener-Café und gerät beim Anblick einer stillenden Mutter ins Stolpern:

„Hinter den Zeitungshaltern verrenken sich Hälse, Münder stehen offen, Blicke werden eingebrannt. Und auch Marie stolpert vor lauter Schauen über ein Stuhlbein, hält sich an einem Tisch fest, der dabei ins Wanken gerät. Eine Kaffeetasse kippt um, die Farbe erinnert sie an die Mur, trüb und braun fließt die Flüssigkeit über die Tischplatte und tropft auf den Boden.
Hinter der Zeitung lugt einer hervor. Sieht zuerst seinem Kaffee beim Auslaufen zu, dann Marie in die Augen.“

Der, der da lugt, ist Jakob. Und so beginnt die Geschichte von Jakob und Marie, immer wieder – ironisch fein – durch den auktorialen Erzähler kommentiert:

„Das Schicksal in Form einer kaffeebrauenen Brustwarze ist etwas ganz Besonderes, so etwas erlebt man nicht alle Tage, so ein Schicksal deutet auf Großes hin. Das spüren auch Marie ind Jakob, …“

Was dann aber erzählt wird, ist nicht einfach eine Beziehungsgeschichte zwischen den beiden Protagonisten, sondern ihre Beziehung wird geschickt ergänzt durch ihre Familienbeziehungen und ihre Beziehungen zu früheren Partnern, über deren weiteres (Liebes-) Leben der Leser dann ebenfalls kaleidoskopartig Einblick erhält. Denn sie haben wiederum Kontakt zu Personen, die mit Marie und Jakob zu tun haben.

Der, der am präsentesten ist, ist Joe, ehemaliger Freund von Marie, der sich mit einen Sprung in den Donaukanal umgebracht hat. Er spukt in Maries und Gerys Gedanken herum und lässt beide nicht los, denn Gery, der nun mit Jakobs ehemaliger Freundin Sonja zusammen ist, hat Joes Todessprung gefilmt und fragt sich nun ständig, ob ihn einen Mitschuld trifft. Zudem sollen Marie und Gery sich im Prater einfinden, wo ein ehemaliger Freund Joes dessen Testament eröffnen soll.

Was alle Beteiligtn verbindet ist ihre individuelle Suche nach Sinn: „‚Solange wir nach einem Sinn suchen, werden wir nie glücklich sein, verstehst du? Erst wenn dir alles egal ist, lebst du wirklich.'“

Und sie sind unglücklich in ihrer Suche nach Geborgenheit, Anerkennung, nach einer erfüllenden, gelingenden Liebe. Und fast alle scheitern. Maries Mutter hat sich umgebracht, was den Vater in so tiefe Depressionen gestürzt hat, dass er Marie kaum noch wahrnehmen konnte. Die Folge davon kennt der Erzähler: „Marie gehört zu den Frauen, die gemocht werden wollen. Vielleicht lächelt sie deswegen so viel.“

Hedi Brunner, eine alte Frau, der Gery Essen auf Räder bringt, hat sich nach dem Krieg in einen russische Pianisten verliebt, der als Offizier in Österreich stationiert war. Eine Liebe ohne Zukunft, aber mit Folgen. Sie hat einen Sohn geboren, den sie nicht behalten konnte, nach dem sie sich aber so sehr gesehnt hat, dass ihr ihre beiden Töchter darüber aus dem Blick geraten sind. Sie, die da waren und ihre Liebe gebraucht hätten, hat sie nicht lieben können.

„‚Ich hasse meine Töchter nicht. Aber ich habe sie nie wirklich geliebt. Nicht so, wie eine Mutter ihre Kinder lieben sollte. Nicht so, wie ich meinen kleinen Wassily geliebt habe. Eine wie ich hat es nicht verdient, dass man ihr im Alter das Klo putzt.'“

Bleibt „Liebe nur so lange groß, solange sie sich nicht erfüllt?“
fragt Marie sich und Gery zum Schluss. Er antwortet mit seiner Romeo und Julia Version:

„‚Julia sitzt mit hochgeknotetem Haar am Kamin und strickt, und Romeo raucht seine Pfeife und liest ihr aus der Zeitung vor. Vorhin haben sie ein wenig gezankt, weil das Essen verbrannt war, aber jetzt blicken sie einander in die Augen und wissen, dass sie sich trotz allem noch immer sehr gern haben und ohne einander nicht sein wollen.‘
‚Glaubst du, so was gibt es wirklich?‘ fragt Marie“

Der Roman zeigt eher, dass es nicht geht, weil fast alle Personen in ihrer Welt eingeschlossen sind, zwar miteinander reden, sich aber nicht wirklich etwas zu sagen haben. Sie sprechen nicht über ihre Ängste, ihre Einsamkeit. Und vielleicht würde das auch nicht helfen.„Das mit der Einsamkeit, dass musst du mit dir ganz allein ausmachen.“

Auch sprachlich bietet der Roman Ungewohntes, das einen beim Lesen aufhorchen lässt. Ich bin jedenfalls über diese Zufallslektüre froh und hoffe, noch mehr von dieser Autorin lesen zu können.

Margarita Kinstner, Mittelstadtrauschen, Wien 2013, 286 S., ISBN 978-3-552-06226-9

Datum: 16. Juni 2015
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4 Kommentare

  1. Sonja | Dienstag, 16. Juni 2015 17:01
    1

    Gute Rezension. Sie wird mich davon abhalten, das Buch lesen zu wollen. Als hätte ich Einiges davon schon hier und da mal gelesen in meinem Vielleseleben. Soziogramme waren für mich als Klassenlehrerin stets eine spannende Sache, obwohl, so mit der Zeit wusste man Manches nach Augenschein sofort.

  2. mona lisa | Dienstag, 16. Juni 2015 21:40
    2

    Eine gute Rezension, die dich davon abhält, das Buch zu lesen?
    Hilfe, was habe ich falsch gemacht???

  3. Sonja | Freitag, 19. Juni 2015 6:06
    3

    Nichts hast du falsch gemacht, eher andersrum. Alles richtig. Ich mag diese Art Geschichten einfach nicht. So ist das.
    Gruß von Sonja

  4. mona lisa | Freitag, 19. Juni 2015 6:44
    4

    Ok, ich hatte es echt nicht verstanden!
    LbG in einen neuen Morgen

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