nicht alles ist sagbar und fassbar

SEHR GEEHRTER HERR,
Ihr Brief hat mich erst vor einigen Tagen erreicht. Ich will Ihnen danken für sein großes und liebes Vertrauen. Ich kann kaum mehr. Ich kann nicht auf die Art Ihrer Verse eingehen; denn mir liegt jede kritische Absicht zu fern. Mit nichts kann man ein Kunst-Werk so wenig berühren als mit kritischen Worten: es kommt dabei immer auf mehr oder minder glückliche Mißverständnisse heraus. Die Dinge sind alle nicht so faßbar und sagbar, als man uns meistens glauben machen möchte; die meisten Ereignisse sind unsagbar, vollziehen sich in einem Raume, den nie ein Wort betreten hat, und unsagbarer als alle sind die Kunst-Werke, geheimnisvolle Existenzen, deren Leben neben dem unseren, das vergeht, dauert.

(Rainer Maria Rilke, Briefe an einen jungen Dichter)

Datum: 4. Juni 2015
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2 Kommentare

  1. Quer | Donnerstag, 4. Juni 2015 5:17
    1

    Man kann ihn so gut verstehen!

    Lieben Gruss in einen schönen und einigermassen fassbaren Tag,
    Brigitte

  2. mona lisa | Donnerstag, 4. Juni 2015 5:31
    2

    ja, ich hoffe, der Tag bringt mich nicht aus der Fassung u. macht mich nicht sprachlos.Bin ziemlich zuversichtlich, zumal der Kuckuck ununterbrochen ruft!

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