Ich seh viel mehr, mach ich die Augen zu

Ich seh viel mehr, mach ich die Augen zu.
Profanes nur sehn sie zur Tageszeit;
Doch wenn ich schlaf, erscheinst im Traum mir du,
Traums Dunkelheit erhellt die Dunkelheit.
Du, dessen Schatten Schatten licht macht, sag,
Was zeigt dein Schattenbild für Bilderwelt….
Da du mehr Licht bist als der Tag bei Tag,
Wenn schon dein Schatten so den Blick erhellt!
Wie, sag ich, müßt mein Blick erleuchtet sein.
Könnt ich dich sehn in Tagen wachem Licht,
Wenn schon bei Nacht dein schöner Schattenschein
Durch Schlaf zum blinden Auge Bahn sich bricht!

Tag ist wie Nacht mir, kann ich dich nicht sehn,
Doch Nacht wird Tag, läßt Traum dein Bild erstehn.

(Shakespeare, Sonett 43)

Datum: 28. Juli 2015
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4 Kommentare

  1. Sonja | Dienstag, 28. Juli 2015 10:48
    1

    Manchmal überlege ich, was es zu bedeuten hat, wer einem im Traum erscheint…Wie man sich fühlt, verfolgt, gequält, erfreut, erstaunt…?
    Hier ist die Rede von „dein schöner Schattenschein“ – in diesem Falle also GUT.
    Gruß von Sonja

  2. Quer | Mittwoch, 29. Juli 2015 6:22
    2

    So schön und sehnsüchtig ist dieses Verlangen!
    Ach, wie konnte Shakespeare unsere Gefühle so herrlich in Verse betten!

    Lieben Gruss in den Tag,
    Brigitte

  3. mona lisa | Mittwoch, 29. Juli 2015 6:58
    3

    Und da stehen sie Generationen zur Verfügung ;)
    Dir einen gefühl-vollen Tag!

  4. mona lisa | Mittwoch, 29. Juli 2015 7:00
    4

    Ich kann mich an die Traumgestalten fast nie erinnern!
    Daher muss ich auch nicht groß über die Bedeutung nachdenken ;)
    Und auch das ist gut so!
    LbG

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