Morgengebet

O wunderbares, tiefes Schweigen,
Wie einsam ist’s noch auf der Welt!
Die Wälder nur sich leise neigen,
Als ging‘ der Herr durchs stille Feld.

Ich fühl mich recht wie neu geschaffen
Wo ist die Sorge nun und Not?
Was mich noch gestern wollt erschlaffen,
Ich schäm mich des im Morgenrot.

Die Welt mit ihrem Gram und Glücke
Will ich, ein Pilger, frohbereit
Betreten nur wie eine Brücke
Zu dir, Herr, übern Strom der Zeit.

Und buhlt mein Lied, auf Weltgunst lauernd,
Um schnöden Sold der Eitelkeit:
Zerschlag mein Saitenspiel, und schauernd
Schweig ich vor Dir in Ewigkeit.

(Joseph v. Eichendorff)

Datum: 25. Juli 2015
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2 Kommentare

  1. Quer | Sonntag, 26. Juli 2015 9:13
    1

    So schön und fromm ist das – wie nicht von dieser Welt!
    Und so ist es ja auch, dass zwischen Herrn von Eichendorff und uns Welten der Anschauung und der Veränderung liegen.
    Aber das Morgengebet in dieser Form hat noch immer seine Berechtigung.

    Schönen Sonntagsgruss,
    Brigitte

  2. mona lisa | Sonntag, 26. Juli 2015 15:23
    2

    Er war halt Romantiker. Ein wenig von dieser Haltung, diesen Ansichten kann unsere Welt sicher bereichern.
    LbG

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