Petra Mikutta, Sie werden lachen. Mein Mann ist tot.

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Petra Mikutta ist Journalistin. Sie kann „Unbeschreibliches“ beschreiben und das sehr gut.

Ergebnis ist dieses Buch, das sie selbst als „Überlebensbuch“ bezeichnet. Das Schreiben über den plötzlichen, durch nichts vorhersehbaren Tod ihres Manns und ihren damit verbundenen Absturz in den surrealen Zwischenzustand der Trauer“ hilft ihr, das Leben in der „Parallelwelt der Trauer“ zu fassen, zu durchleiden und Monate später dann allmählich wieder in ein eigenes Leben zu gelangen, wie bei einer Geburt verbunden mit vielen schmerzhaften Wehen.

Die Art, wie sie schreibt, lässt den Leser ihren seelischen Zustand nachvollziehen, lässt ihn mitfühlen, soweit es für jemanden, der einen solchen Schicksalschlag noch nicht erlebt hat, überhaupt nachvollziehbar ist. Mal sind es eher Assoziationsfetzen, dann Erinnerungen an das Kennenlernen, gemeinsame Erlebnisse, Aufzählungen von mühsam vollbrachten alltäglichen Handlungen, die an Schwerstarbeit erinnern, da jeder Schritt ein schwerer ist. Sie umhüllt sich mit den Sachen ihres Mannes, um Nähe herzustellen, warm zu werden und die innere Kälte nicht mehr spüren zu müssen. Sie betrachtet die Begegnungen im Krankenhaus und im Leichenschauhaus bei der Bestatterin als Rendezvous mit ihrem Mann, die Einkleidung als letzte mögliche Liebeshandlung hier auf Erden. Sie redet mit ihrem Mann und weint, weint und weint.

Sie schreibt, was sie nur noch mehr hat verzweifeln lassen:
„Die Zeit heilt Wunden. Das Leben geht weiter. Die Floskeln stimmen, sie sind nicht einfältig. Einfältig ist jedoch, mit der Wahrheit Trost spenden zu wollen. Nicht einmal die schönste eignet sich: Der Tod ist nicht das Ende der Liebe.

Ich habe keinen Trost gefunden in der Wirklichkeit. Der Tod zerschmettert sie, sie existiert nicht, wochenlang, monatelang fällt man aus der Welt in eine Vorhölle. …

Wer einem da mit der Realität komm, ist grausam. Es ist als würde man einem Kind, das an das Christkind glaubt, an Heiligabend eröffnen, dass es der Paketbote ist, der die Geschenke bringt.“

Getröstet habe sie dagegen Menschen,
„die es normal gefunden haben, dass ich vor Trauer verrückt bin. Menschen, die nicht erwartet haben, dass ich mich beherrsche. .. Kollegen, die Verständnis für meine Zeitsprünge und Sozialphobien zeigten, Fremde, die meine Tränen und meine Verzweiflung weder übersehen noch hinterfragt haben.“
Und ihre Männerfreunde, die sie einfach gehalten haben, stundenlang ohne groß zu reden. Sie waren einfach für sie da. Andere dagegen sind einem „Daten-Massaker“ zum Opfer gefallen „das alle getroffen hat, die sich in den ersten Wochen nach der Bestattung nicht gemeldet hatten.“

„Todsterbenstraurig“ probiert sie aus, was ihr gut tut und was nicht, lässt sich manchmal überreden, Einladungen von Paaren anzunehmen, um dann aber zu dem Schluss zu kommen:

„Wer sich einmal richtig glücklich schätzen will in einer öden, lieblosen oder aufreibenden Beziehung, der braucht nur eine leidende Witwe einzuladen. … Leidende Witwen sind grandiose Paartherapeuten, Spontaheilungen von aussichtslosen Fällen sind in ihrer Gegenwart nicht selten“

Sie dagegen radelt allein nach Hause und heult „den Mond an. Trauer macht böse, also ruft mich nie wieder an, ladet mich nie mehr ein, geht mir lieber aus dem Weg. Meine letzte gute Tat ist dafür zu sorgen, dass man mir nicht mehr zu begegnen braucht.“

Dennoch ist sie bereit, sich auf neue Liebschaften einzulassen, merkt – mit Scham und schlechtem Gewissen – dass es wohl doch möglich sein kann, wieder glücklich zu werden. Am Ende des ersten Trauerjahres „herrscht meist Ruhe, nur manchmal denke ich an die Kämpfe. Und manchmal bin ich stolz auf den Sieg. Ich habe mich gut geschlagen. Hier bin ich und lache und liebe.“

Ein äußerst lesenswertes, sehr persönliches Buch von Verlust, Trauer, Einsamkeit und Sich-Wiederfinden. Mikutta gibt Hinweise, wie man sein eigenes alltägliches Glück wiederfinden kann und gibt Menschen, die mit Trauernden zu tun haben und nicht wissen, wie sie sich verhalten sollen, „Anleitungen“, was hilfreich sein kann. Das Buch ermöglicht Empathie und Verständnis für die emotionalen Achterbahnfahrten von Trauernden, wozu auch ihre scheinbaren, völlig unlogischen Widersprüchlichkeiten, in ihrem Denken, Fühlen und Handeln gehören.

Petra Mikutta, Sie werden lachen. Mein Mann ist tot. Ein Überlebensbuch, Knaus Verlag München 2015, 302 S., ISBN 978-3-8135-0654-9

Datum: 18. Juli 2015
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4 Kommentare

  1. Sonja | Samstag, 18. Juli 2015 23:32
    1

    So ein klares Foto dazu!
    Verlust des Lebensmenschen führt wohl bei allen auf vorher nie gekannte Wege und manchmal auch ihnen hinterher. Diese Frau und was sie aufschrieb, finde ich beeindruckend!

  2. Quer | Sonntag, 19. Juli 2015 5:33
    2

    Diese Selbsttherapie und Trauerarbeit scheint ihr und den Leserinnen und Lesern gleichermassen zu bekommen.
    Als Nichtbetroffene kann ich mich nur annähernd in solche Extremsituationen einfühlen.

    Lieben Gruss in den Sonntag,
    Brigitte

  3. mona lisa | Sonntag, 19. Juli 2015 18:21
    3

    @ Sonja, ja das ist sie und das ist das Buch. Meist erkennt man erst mit zeitlichem Abstand, welche Chancen, welche Möglichkeiten Krisen für einen bereit halten.
    LbG

  4. mona lisa | Sonntag, 19. Juli 2015 18:24
    4

    @Quer, man muss sich ja auch nicht einfühlen müssen, ein sensibler Umgang mit Trauernden wäre dennoch wünschenswert.
    LbG

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