Claudia Gliemann & Nadia Faichney, Papas Seele hat Schnupfen

Ich habe meinen Kindern, als sie noch klein waren, (schwierige) Themen oft mit Hilfe von Bilderbüchern erklärt oder versucht, sie ihnen nahezubringen. Das hat den Vorteil, dass sie sich eher ein Bild machen konnten. Man kann zudem beim Vorlesen innehalten, nachfragen, nachdenken, erklären, was auch immer gerade anliegt. Wichtig und nicht immer einfach ist es, passende, ansprechende (Bilder-)Bücher zu finden.

Claudia Gliemann und Nadia Faichney ist gemeinsam mit „Papas Seele hat Schnupfen“ gelungen, die für Nicht-Betroffene so schwer zu erklärende bzw. nachzuvollziehende Krankeit Depression kindgerecht in Wort und Bild darzustellen.

Neles Eltern sind berühmte Seilartisten, die im Zirkus Miraconda, einer bunten fröhlichen Welt, leben und auftreten. Aber irgendwann ist mein Papa dann traurig geworden. Jeden Tag ein bisschen mehr. Sogar die Einladung zur Großen Zirkusolympiade in Manello, kann Neles Papa nicht aus seiner Traurigkeit herauholen, eher im Gegenteil. Ihr Papa wird immer stiller. Am Tag ihres großen Auftritts in Manello darf Nele dann das erste Mal mit den Eltern auftreten. Und muss erleben, wie ihr Vater zusammenbricht:

Irgendwas war anders. Er bewegte sich nicht. Er blieb einfach nur stehen und starrte auf das Seil. Und dann ließ er das Fahrrad los, sackte in die Knie und hielt die Hände vors Gesicht.

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Mein Papa war immer der Größte für mich gewesen. Und jetzt weinte er wie ein kleines Kind. Er war nicht mehr stark. Er war schwach. Und die ganze Welt hatte es gesehen, weil die Zirkusolympiade jedes Jahr im Fernsehen gezeigt wird.

Damit muss Nele erst einmal fertig werden und auch damit, dass ihr Papa nun für lange Zeit im Krankenhaus bleiben muss. Sie versteht auch nicht wirklich, was ihr Papa hat. Der Dumme August erklärt, versucht zu trösten, ist aber vor allem in dieser schweren Zeit für Nele da.

Dieses Bilderbuch konfrontiert den Leser auf sehr subtile Art sowohl mit den Vorurteilen gegenüber dieser Krankheit, den immer noch gängigen Meinungen im Umgang mit Depressiven: Jetzt stell dich doch nicht so an. Aber auch mit den Möglichkeiten einer Behandlung, die – zumindest langfristig – zu einer Besserung führen kann. Und so kann Nele nach langer Zeit wieder hoffen, dass ihr Papa demnächst vielleicht wieder im Zirkus auftreten könnte, sicher sein kann sie nicht. Doch sie ist wieder stolz auf ihren Papa, der immer wieder probiert, aufs Seil hinaufzusteigen.

Letzendlich zeigt dieses Bilderbuch Kindern und Erwachsenen, was hilft, mit den Widrigkeiten des Lebens leben zu können, und was außerordentlich destruktiv sein kann: Menschen, die keine Ahnung von etwas haben, aber eine Meinung dazu.

Im Vorwort schreibt Paul-Gerhard Buyken von der Deutschen DepressionsLiga: „Wenn in einer Familie ein Elternteil an einer Depression erkrankt, ist dieses Buch ein ‚Muss‘.“

Claudia Gliemann & Nadia Faichney, Papas Seele hat Schnupfen, Monterosa Verlag, Karlsruhe 2014, ISBN 978-3-942640-06-0

Datum: 20. August 2015
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2 Kommentare

  1. Quer | Donnerstag, 20. August 2015 18:47
    1

    Wunderbar! Ja, gute Kinderbücher schaffen fast mühelos den Spagat zwischen den ganz heiklen Themen und einer kindgerechten, zu Herzen gehenden Aufbereitung.

    Mit lieben Grüssen
    Brigitte

    P.S. dazu passt ja der Satz von Wilhelm Busch „…sich in aller Stille die Seele zu schneuzen.“ (Vielleicht haben sich die Autorinnen ja sogar darauf bezogen.)

  2. mona lisa | Freitag, 21. August 2015 6:52
    2

    Ja, soviel Zeit muss sein, die Seele zu schneuzen!
    Mit liebem Gruß

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