Dörte Hansen, Altes Land

Sie suchen gute Unterhaltung mit Tiefgang? Dann greifen Sie zu Dörte Hansens Erstlingsroman „Altes Land“.
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Er erzählt die Geschichte zweier Frauen, die auf den ersten Blick nicht allzuviel gemeinsam haben: Vera ist 1945 mit ihrer Mutter, Hildegard von Kamcke, als Flüchtling im Alten Land gestrandet, von der Bäuerin begrüßt mit folgendem Satz:

„‚Woveel koomt denn noch vun jau Polacken?’Ihr ganzes Haus war voll von Flüchtlingen, es reichte.“

Vera, immer nur gelitten, bleibt in diesem Haus, ist nach Karls Tod sogar dessen Besitzerin, während ihre Mutter, die zwar den aus dem Krieg heimgekehrten kriegsversehrten Hoferben Karl geheiratet hat, dann aber mit einem Mann aus der Stadt weggeht und ihr Kind bei Karl auf dem Hof zurücklässt. Die beißt sich als „Polackenkind“ durch, studiert und praktiziert später im Dorf als Zahnärztin, eher gefürchtet als beliebt, vor allem aber von allen arwöhnisch beäugt, denn sie passt als Studierte und mit ihrem Freigeist nicht wirklich zu den Dorfbewohnern.

Anne, Veras Nichte, erfolglose Musikerin mit Tischlerlehre, hat sich vom Vater ihres Sohnes Leon getrennt und sucht Unterschlupf auf dem Hof ihrer Tante:

„Vera Eckhoff wusste nicht viel von ihrer Nichte, aber sie erkannte Flüchtlinge, wenn sie einen sah. Die Frau, die da mit zusammengeschnürtem Gesicht ihre paar Kartons aus dem gemieteten Transporter holte, suchte eindeutig mehr als eine neue Erfahrung und etwas frische Luft für ihren Sohn.“

Vera nimmt Anne und ihren Sohn auf, obschon ihrer Meinung nach Flüchtlinge alles durcheinander bringen. Doch neugierig und gespannt fragt sie sich, „ob sie auch Dinge in Ordnung bringen konnten. Ein paar Fenster oder Balken oder einen Menschen, der einsam war bis auf die Knochen. Der keine Ahnung hatte, wie er den zweiten Winter, all die langen Nächte ohne Mitmensch überstehen sollte.“ Zumal in diesem riesigen Haus, dessen Dach und Mauern offensichtlich ein Eigenleben führen.

Über Anne lernt Vera ihre Halbschwester Marlene, Annes Mutter, ein wenig näher kennen, sowie auch Marlene durch Vera einiges von ihrer gemeinsamen Mutter erfährt, die nie etwas von ihrer Flucht und den damit verbundenen Grausamkeiten erzählt hat.

„Solche Mütter … ließen nicht mit sich reden, erzählten nichts, erklärten nichts, sie suchten gar nicht erst nach einer Sprache für das Unsagbare, sie übten das Vergessen und wurden gut darin. Wanderten weiter in Mänteln aus Eis, man musste ihnen nicht erklären, was Erstarrungswärme war.“ Vera wusste nicht, ob ihre Mutter „schon immer Eis getragen hatte, wie andere Frauen Fuchspelz oder Nerz, geerbt von ihren Müttern“, weitergegeben an die Töchter und die wiederum an ihre Töchter. Anne begleitet ihre Mutter Marlene auf einer Erinnerungsreise nach Masuren und erkennt:

„Das, was Anne von ihr wollte, besaß Marlene gar nicht. Anne konnte an ihr zerren, in ihren Taschen wühlen, sie filzen wie einen Drogendealer, sie würde doch nichts bei ihr finden von dem Stoff, nach dem sie sich immer noch sehnte. Woher denn nehmen.
Sie konnte aufhören zu suchen, es musste auch ohne gehen, es ging auch ohne.“

Der Leser nimmt teil an einer späten, spannenden Vergangenheitsbewältigung, die nicht wirklich dazu führt, dass Mutter und Tochter einander froh machen können, vielleicht aber dazu führt, dass sie Schluss machen damit, dass „Alles, was sie taten, taten sie einander an.“
Aber Tante und Nichte nähern sich an, denn Anne nimmt sich des alten Hauses an und entwickelt mit der Tante ein Renovierungskonzept, das die Ursprünglichkeit des Hauses erhalten, das Haus dennoch aber modernisieren wird.

Das gegenwärtige Leben auf dem Lande mit all seinen Besonderheiten und Schwierigkeiten wird nicht ausgespart wird, sondern geschickt aus der Perspektive der Landbewohner, aber auch zugereister Stadtmenschen erzählt.

Mit Humor, Ironie und satirischen Einlagen werden Stadt- und Landbewohner mit ihren Denk- und Lebensgewohnheiten beschrieben. Ich habe oft köstlich lachen müssen.

Wenn ich nicht neugierig auf die vielen Neuerscheinungen des Bücherherbstes wäre, wäre es ein Buch, das ich zweimal lesen könnte.

Dörte Hansen, Altes Land, Roman, Knaus Verlag, München 2015, 286 S., ISBN 978-3-8135-0647-1

Datum: 2. September 2015
Themengebiet: Buch-Rezensionen, Rezensionen Trackback: Trackback-URL
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