Dschalaluddin Rumi, Traumbild des Herzens

Johann Christoph Bürgel hat hundert Vierzeiler aus Rumis Werk ausgewählt, aus dem Persischen übertragen, mit einer Einleitung und Erläuterungen versehen, so dass auch Lesern, die bisher noch keine allzugroße Affinität zu Rumis Versen haben, ein Zugang zu diesen Versen möglich ist.

In drei Kapitel sind die Verse eingeteilt, die in poetischer Sprache vor allem die „Freundschaft und Liebe“ eines Mannes zu seinem Freund beschreiben, dem er in fast mystischer Weise verbunden war, bis dieser dann eines gewaltsamen Todes gestorben ist.

12
Deine Güte erreicht, was den Meeren gebricht.
Deine Großmut nie etwas für morgen verspricht.
Man muss keine Gaben erbitten von Dir.
Niemand bittet die Sonne um Licht.

13
Ich sehe Dich am Rastort der Liebe wie auf Fahrt.
Ich habe dich in Sklaven und Königen gewahrt.
Ich seh dich in den Sternen, der Sonne und im Mond,
In Laub und Gräsern, alles nur Dir mir offenbart.

„Rumi dichtete als Mystiker, das heißt, er erfuhr und begriff die Schöpfung mit all ihren Erscheinungen als Abglanz und Spiegelung innerer Wirklichkeiten, göttlicher Realität.“ Daher sind in den beiden weiteren Kapiteln Verse zu „Leben und Lernen“

51
Ein jedes Staubkorn hungert so, bis es von Gottes Tafel zehrt.
Sie speisen bis zum Jüngsten Tag, die Tafel wird doch nie geleert.
Ob man am Tisch der Ewigkeit auch viele heute lärmen hört,
Sie aßen und essen noch. Es nimmt nicht ab; die Tafel währt.

65
So sprach jüngst ich zum weisen Greis, dem Verstand:
„Mach ein Wort mir vom Weltgeheimnis bekannt!“
Leise, leise gab er mir Antwort ins Ohr:
„Schweige! Erfahren wird’s, nicht mit Worten benannt!“

und zu „Musik und Dichtung“ zu finden, das letze der drei Kapitel, das in einigen Versen die inspirierende Wirkung von Liebe und Freundschaft preist:

82
Seit Liebe strahlt in meines Herzens Wand,
Ist alles außer Liebe mir verbrannt.
Sie nahm mir Buch und Schule und Verstand
Und machte mich mit Reim und Lied bekannt.

83
Deine Vollkommenheit hat meine Liebe entfacht.
Deine Anmut hat mich zum Dichter gemacht.
Es tanzt Dein Traumbild auf der Bühne meines Herzens.
Den schönen Tanz hast du mir beigebracht.

Diese hochemotionalen, formal sehr kunstvollen Verse würde ich gerne einmal in Persischer Sprache hören und auf mich wirken lassen. Den Vorschlag Bürgels in der Einleitung:

„Das Beste wäre es freilich, der Leser würde durch diese Auwahl angeregt, selbst Persisch zu lernen, um eines Tages den Urtext lesen zu können.“

werde ich nicht verfolgen. Da gehe ich eher davon aus, dass ich ihm und seinem Übersetzungstalent vertrauen kann. Er ist schließlich emeritierter Professor für Islamwissenschaft an der Universität Bern.

Dachalaluddin Rumi, Traumbild des Herzens, Hundert Lebensweisheite islamischer Mystik, ausgewählt, a.d. Pers. übersetzt, eingeleitet u. erläutert v. J.Ch.Bürgel, Manesse Verlag, Zürich 2015, ISBN 978-3-7175-4090-8

Datum: 4. September 2015
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2 Kommentare

  1. Quer | Freitag, 4. September 2015 6:43
    1

    Fast auch ein Hohes Lied der Liebe.
    Der letzte der hier gezeigten Verse gefällt mir besonders gut: „Deine Anmut hat mich zum Dichter gemacht. Es tanzt Dein Traumbild auf der Bühne meines Herzens…“ wie schön!

    Liebe Grüsse in den Tag,
    Brigitte

  2. mona lisa | Freitag, 4. September 2015 6:47
    2

    Das ist es auf jeden Fall,
    Es sind Verse zum Genießen, Verse, die in einem Nachhallen und dafür sollte man sie in homöopathischer Dosierung lesen, dann wirken sie umso nachhaltiger.
    Dir einen schönen Bühnentag!

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