James Hanley, Ozean

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„Ozean“ ist ein weiterer Roman aus dem Dörlemann Verag in der Reihe „Edition Kattegat“, herausgegeben von Nikolaus Hansen, wie immer im leserfreundlichen Kleinformat mit Lesebändchen.

„Als es hell wurde, stand der Seemann auf und sah sich um. Klarer Himmel, lautlos wabernde Wassermassen. Keine anderen Boote. Die Horizontlinie verschwommen.“

So beginnt ein, bereits 1941 verlegtes „Kammerstück“ auf dem großen, weiten, unberechenbaren Ozean mit ungewissem Ausgang. Sechs, später fünf Personen sitzen als Überlebende eines Torpedobeschusses in einem kleinen Rettungsboot, mit begrenztem Trink- und Essvorrat, und hoffen darauf, von einem Schiff gerettet zu werden oder aus eigener Kraft das Ufer zu erreichen. Curtain, der Seemann, übernimmt das Kommando, stellt Regeln auf und teilt die „Mannschaft“ für die verschiedenen Dienste ein, kümmert sich um alle und versucht, dass es ihnen – unter den gegebenen Umständen – so gut wie möglich geht.

Tagelang sind sie unterwegs, der Unsicherheit, Ungewissheit und Stille des Ozeans ausgeliefert, die paradoxerweise auch bei tosendem Wetter herrscht. Jeder wird irgendwann mit sich selbst, seiner Einsamkeit, seinen Erinnerungen, seiner Endlichkeit konfrontiert und versucht, für sich nach einem Ausweg zu suchen, sein Überleben zu sichern, einige notfalls auch auf Kosten der anderen.

Wie in der Wüste, haben einige von ihnen Halluzinationen und der Leser selbst kann mehrfach nicht unterscheiden, ob das, was er gerade liest, Realität ist oder Ausdruck von Imagination.
Der Roman nimmt zunehmend an Spannung auf, beeindruckt mit einer sehr klaren, bildhaften Sprache, gespickt mit Begriffen aus der Schifffahrt, was erkennen lässt, dass Hanley weiß, wovon er schreibt, ist der doch neun Jahre zur See gefahren.

Es ist ein lesenswerter, spannender Roman, ein Abenteuerroman, aber nicht im klassischen Sinne, der die „unerforschten Gegenden des Meeres und des Bewußtseins bereist“ wie William Faulkner zu Recht über diesen Roman schreibt.

James Hanley, Ozean, Roman, a.d. Engl. von Nikolaus Hansen, Edition Kattegat, Dörlemann Verlag, Zürich 2015, 254 S., ISBN 987-3-03820-023-2

Datum: 28. September 2015
Themengebiet: Buch-Rezensionen, Rezensionen Trackback: Trackback-URL
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