Véronique Olmi, Nacht der Wahrheit

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Liouba lebt mit ihrem unehelichen Sohn Enzo in einer sehr großen schicken Wohnung im „Bilderbuchparis zwischen Louvre und Comédie-Française“. Es ist nicht ihre Wohnung, doch: „Sie füllte Lioubas ganzes Leben aus, denn Liouba putzte sie jeden Tag.“

Schlafen müssen sie gemeinsam in einer winzigen Kammer. Denn die Besitzer dieser Wohnung könnten jeden Moment zurückkommen mit dem Anspruch, auch die seltsamsten Bedürfnisse sofort gestillt zu bekommen. Enzo wünscht sich von seiner Mutter, „dass sie mit ihm durch Paris lief, dass sie einen Moment lang den anderen ähnelten, innig und lässig waren, ziellos herumliefen und sich über Passanten lustig machten, ohne Boshaftigkeit lachten, einfach so plauderten, ein bisschen Leichtigkeit und Vergessen.“ Doch sie muss putzen. Und Enzo wagt nicht einmal ihr zu sagen: „Die Wohnung wurde nicht blank gescheuert. Sie pflegte sich nicht, sie ruinierte sie.“

Die beiden haben räumlich ein sehr enges Verhältnis, leben letztendlich aber in ihren Welten, zu denen der andere keinen Zugang hat. Enzo lebt in und mit seinen Büchern, ist gern gesehener Gast in der Bibliothek, weiß viel von der Welt, aber nichts von seinem Vater, der Vergangenheit seiner Mutter und dem Leben seiner Vorfahren.

Der Leser hat Einblick in Lioubas Gedanken, die sie aber Enzo nicht mitteilt.
„Jeden Tag seit zwölf Jahren improvisierte sie. Jeden Tag seit zwölf Jahren stand sie vor einer völlig neuen Situatuion. … Ihr Leben als Mutter war wie eine Probe, und bis sie ihre Rolle geübt und auswendig gelernt hätte, würde Enzo erwachsen sein.“ Nach und nach entsteht ein mosaikartiges Bild von Lioubas und damit auch Enzos Herkunft.

Enzo, viel zu dick – Nutellabrote sind seine Lieblingsspeise – geht auf ein angesehenes Collège, weil Liouba will, dass ihr Sohn „Wissen erwarb und die Chance erhielt, dieses Wissen zu nutzten.“ Doch von Anfang an ist deutlich: Enzo ist einsamer Außenseiter, der Underdog, an dem die anderen Pubertierenden seiner Klasse ihr Mütchen kühlen, wann immer sie wollen, unterstützt vom Wegsehen der Lehrer. Enzo ist nicht nur zu dick, sondern auch der uneheliche Sohn einer Putze und für sie der Russe. Er ist immer schwarz gekleidet, ist einfach anders, gehört nicht dazu. Indirekt gefördert wird dies durch die Einstellung der Lehrer. So gibt der Direktor, bei dem sich Enzo über das Verhalten seiner Mitschüler beklagen möchte, ihm den Rat, sich zu integrieren und Sinn für Humor zu zeigen.

Nur mit Humor ist ihnen nicht beizukommen, als seine Klasse sich verabredet, mit ihm in den Keller zu gehen. „Sie waren dreißig in der Klasse, dreißig, die nie den Wunsch gehabt hatten, diesen seltsamen Jungen kennenzulernen“ in seiner Welt, in der er Licht einfangen will. „Die Welt ist voll von Menschen, die geduldig Misshandlungen planen.“
Dort im Keller trinken sie Bier, um sich Mut zu machen und das auszuführen, was sie geplant haben. Sie quälen, misshandeln und vergewaltigen ihn umd filmen das Ganze noch.

Diese Szene ist inhaltlich und sprachlich die intensivste des gesamten Romans, der insgesamt sehr ruhig, dennoch außerordentlich eindringlich und spannend die tiefsten Dimensionen menschlichen Verhaltens und Denkens auslotet und in dieser Szene mögliche psychische Konsequenzen für das weitere Leben von Opfer und Täter beschreibt.

Enzo kann sich noch nach Hause schleppen, fällt immer wieder in Fieberträume und muss von Liouba tagelang gepflegt werden. Einigermaßen wiederhergestellt, verlässt er Liouba, um sich auf die Suche nach seiner Identiät und damit auch auf die Suche nach seiner Vergangenheit zu machen. Eine Suche, die sich wie ein roter Faden durch den Roman zieht, in vorliegender Form aber nur schwer nachvollziehbar ist, eher konfus und verwirrend.
Schade.
Die Konzentration auf die Darstellung der komplizierte Beziehung zwischen Liouba, die sehr sehr jung Mutter geworden ist und sich von Enzo auf gar keinen Fall mit Mama anreden lassen will, und Enzo wäre tragend genug gewesen, um von einem äußerst lesenswerten Roman zu sprechen, der sich mit der Frage beschäftigt:
„Wer bist du, wenn du nicht der bist, den die anderen sehen?“
Lesenswert ist er trotz dieser Einschränkung. Die sprachliche Intensität und poetische Kraft des Romas haben mir gefallen.

Véronique Olmi, Nacht der Wahrheit, Roman, a.d. Franz. v. Alexandra Baisch u. Claudia Steinitz, Verlag Antje Kunstmann, München 2015, 269 S., ISBN978-3-95614-054-9

Datum: 13. September 2015
Themengebiet: Buch-Rezensionen, Rezensionen Trackback: Trackback-URL
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