Ralf Rothmann, Im Frühling sterben

„Ich habe keine Feinde, jedenfalls keine, die ich umbringen möchte. Das ist der Krieg von Zynikern, die an nichts glauben, außer an das Recht des Stärkeren. Dabei sind’s nur Kleingeister und Schwächlinge, ich hab’s im Feld erlebt. Treten nach unten, buckeln nach oben und massakrieren Frauen und Kinder.“

„Und solche Kerle dürfen mir das Licht ausblasen.“
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Das ist Fietes Resümee seiner kurzen Kriegserfahrungen. Er, der mit seinem Freund Walter noch kurz vor Kriegsende zwangsrekrutiert wurde, mit gerade 17 Jahren, soll am nächsten Tag erschossen werden. Sein Versuch zu desertieren ist fehlgeschlagen. Walter ist zum Erschießungs-kommando eingeteilt. Schießt er nicht, wird er selbst auch erschossen.

Wie er sich entscheidet, ist dem Leser von Anfang an klar, denn der Roman beginnt mit dem Sterben Walters im Krankenhaus, lange nach Kriegsende. Walter ist ein schweigsamer, zurückgezogen lebender Mensch, still, stets ernst, „überdunkelt von seiner Vergangenheit“, von der er nicht spricht. Er wusste mehr „vom Leben, als er sagen konnte, und der ahnte: Selbst wenn er die Sprache dafür hätte, würde es keine Erlösung geben.“

Da ist des wieder: Das Schweigen der Kriegsgeneration, die erlebt hat, was kaum vorstellbar ist, die zum Teil unschuldig schuldig geworden ist und nicht darüber hinwegkommen konnte. Es gab kein Gegenüber für Verstehen, für Verständnis, nur:

Schweigen, das tiefe Verschweigen, besonders wenn es Tote meint, ist letztlich ein Vakuum, das das Leben irgendwann von selbst mit Wahrheit füllt.“

Rothmann hat mit diesem eindringlichen Antikriegsroman zumindest einen Teil des Vakuums mit Fietes und Walters Wahrheit gefüllt, zu der die furchtbaren Kriegserlebnisse, aber auch die Lieblosigkeit und Gefühlskälte im Elternhaus zumindest in dem von Walter gehören.

„Na, hast du Töne? Wo kommt denn der jetzt her? … Hättest du sich nicht anmelden können? … Mann, Mann, Mann, wo bringen wir den jetzt unter? Schon wieder ein Esser mehr … die schwarzbraunen Augen waren kalt wie immer; er konnte sich nicht darin sehen.“
Das ist der „Begrüßungstext“ seiner Mutter, als Walter nach dem Krieg zu Hause auftaucht und in die Geburtstagsfeier des Mannes reinplatzt, mit dem seine Mutter jetzt lebt, einem Bestatter, der ihr und ihrer Tochter Sicherheit gewährt, denn „gestorben wird immer“.

Walter, der gerade auf seine Mutter zugehen wollte, ließ die Arme wieder sinken. Ihr Blick war unstet, mied den seinen, in den Stirnfalten glänzte Schweiß, und lächelnd stieß er etwas Luft durch die Nase … und drehte sich um. Die Haustür stand noch offen, … Er sprang auf die Plattform und winkte.“

Walter versucht Fuß zu fassen, was als Melker gar nicht so einfach ist, da zunehmend Maschinen seine Arbeit übernehmen, so dass er als Bergmann ins Ruhrgebiet zurückkehrt.

Dieser Roman hat eine unaufdringliche Tiefe, denn er verbindet persönliche, sehr menschliche und berührende Geschichte mit den sozialen und geschichtlichen Gegebenheiten während des Zweiten Weltkrieges und der Zeit danach. Er macht in kleinen Episoden deutlich, dass auch nach dem Krieg die „Warte“ nicht einfach verschwunden waren, sondern z.B. als Wasserwarte versuchen, „Recht“ und „Ordnung“ durchzusetzen.

Ralf Rothmann, Im Frühling sterben, Berlin 2015, 234 S., ISBN 978-3-518-42475-9

Datum: 25. November 2015
Themengebiet: Buch-Rezensionen, Fotos, Rezensionen Trackback: Trackback-URL
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